Samstag, 19. September 2026

Polen - Juni/Juli 2026 II

Text: Eva Irmler


In Danzig und von dort bis zur russischen Grenze



Mittwoch, 24. Juni – Piaski – Pole Namiatowe i Pokoje Gościnne Bogumił Banach



Nach absolut ruhiger Nacht und einem reichhaltigen Frühstück im Hotel machten wir uns (am Dienstag, 23. Juni) gegen 10 Uhr bei bestem Wetter auf den Weg in die „Rechtstadt“, d.h. ans rechte Ufer der Stara Motława, wo die meisten der Hauptsehenswürdigkeiten Danzigs zu finden sind. 

Durch das Grüne Tor betraten wir den Langen Markt mit dem Alten Rathaus, das mit seinem Uhrturm hier sogleich ins Auge stach. Der Lange Markt wird von lauter wiederaufgebaute Bürgerhäuser gesäumt, allesamt hoch und schmal und spitzgieblig, davor vielfach die Schirme von Restaurants, die um diese Zeit aber noch kaum Zulauf hatten (oder vielleicht noch gar nicht geöffnet waren). 

Gerade steuerten wir den Neptunbrunnen vor dem Rathaus an, als sich linkerhand ein paar Kinder und Erwachsene um eine Glasvitrine mit einem altertümlichen Thermometer versammelten, die uns sonst vielleicht entgangen wäre. So aber erfuhren wir, dass der Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit, nach dem die Temperatureinheit benannt wurde, die neben unseren gewohnten Celsiusgraden ja auch noch immer in Gebrauch ist, ein gebürtiger Danziger war (*1686). 


Frauentor und Krantor von der Zielony Most (Brücke)


Langer Markt mit Rathaus


Bürgerhäuser am Langen Markt


Das Goldene oder Langgasser Tor, dahinter der Gefängnisturm


Vor dem Rathaus bogen wir dann in eine Quergasse ein und gelangten so zur Frauen- oder Marienkirche, deren so gedrungen wirkender Hauptturm über 400 Stufen bestiegen werden kann (für 20 zł) und entgegen dem Anschein tatsächlich alle anderen Türme der Recht- und Altstadt überragt. An sich eine sehr lohnenswerte Sache, allerdings drängten sich mit uns schon erstaunlich viele Leute dort oben und zudem waren Brüstung und Schutzgitter für uns Zwerge leider arg hoch. Trotzdem hielten wir uns relativ lang dort auf, um die tolle Aussicht nach allen Richtungen gebührend zu würdigen. 


Ausblicke vom Turm der Frauenkirche: nach Nordosten ...


... Osten ...


... und hinab auf den Langen Markt.


Wieder unten sahen wir uns noch im gigantischen Kirchenschiff um, das allerdings über weite Strecken kahl und einfach weiß verputzt war, nur an einigen Stellen standen Statuen oder gab es Gemälde aus unterschiedlichen Epochen. Schwer zu sagen, ob manches noch von vor dem Zweiten Weltkrieg erhalten war, um dies und andere Details zu erfahren, hätte man wohl eine Führung mitmachen müssen. Zur Orgel immerhin gab es eine Tafel, die erklärte, dass diese ursprünglich in einer anderen Danziger Kirche gestanden hatte und zu Beginn des Kriegs zerlegt und sicher eingelagert worden war. Erst lange nach Kriegsende hatte sich ein Verein ehemaliger Danziger in Deutschland dafür eingesetzt, dass die Orgel renoviert und in der Frauenkirche installiert werden sollte, was schließlich bis 1981 geschehen war.


Gläubige ...


... und Touristen in der Frauenkirche.


Auf verschlungenen Pfaden erreichten wir als nächstes die Bazylika św. Mikołaja (Nikolaikirche), in der kurz vor Mittag an diesem Dienstag erstaunlicherweise ein gar nicht so schlecht besuchter Gottesdienst stattfand. Von daher stellten wir uns nur einige Minuten ganz hinten ins Kirchenschiff, um einen Eindruck zu bekommen, und zogen dann bald wieder weiter. 


Nikolaikirche


Am Mühlkanal (Kanał Raduni) bewunderten wir die Große und die Kleine Mühle - in ersterer befindet sich das Danziger Bernsteinmuseum, das wir jedoch nicht besichtigten - und besuchten dann ganz in der Nähe die Katharinenkirche, deren 2006 abgebrannter Dachstuhl zwar wieder aufgebaut war, in deren Innerem es aber ziemlich desolat aussah. 


Das frühere Haus der Müllergilde, dahinter ein Stück Giebel
der Großen Mühle und der Turm der Katharinenkirche


So langsam war es nun Zeit fürs Mittagessen, und da wir anschließend zum Museum des Zweiten Weltkriegs wollten, schien uns das Restaurant „Swojski Smak“, das typisch Polnisches anbieten sollte und ungefähr an unserem Weg lag, eine gute Wahl. Fish’n Chips war dann zwar eher nicht so landestypisch, aber ok und kam mit einem sehr gut angemachten Salat. Dagegen war mein Kartoffelpfannkuchen mit Pilz-Schweine-Gulasch-Füllung umso polnischer (nehme ich mal an), der Gurkensalat mit Saure-Sahne-Soße jedoch leider eher geschmacksneutral. Satt wurde man aber – mehr, als wir uns vorgenommen hatten, im Anbetracht dessen, dass wir abends voraussichtlich noch einmal Essen gehen würden … 

Nächster Stopp war also das Zweite-Weltkriegsmuseum, das mit seinem Zugangsgebäude, einem schräg stehenden, wie halb in der Erde versunkenen roten Quader mit Glasfassade, die Stadtsilhouette im Norden dominiert. Im Grunde genommen hatten wir gar nicht vorgehabt, uns die Ausstellung anzusehen, doch stellten wir vor Ort fest, dass dienstags dort freier Eintritt war, so beschlossen wir, zumindest mal einen Blick darauf zu werfen.


Das Museum des Zweiten Weltkriegs


Zum Eingang geht es schon viele Stufen hinab,
zur Ausstellung dann noch einmal drei Stockwerke tiefer.


Die Ausstellung befand sich im dritten Untergeschoss des Gebäudes, war auf gigantischer Fläche eingerichtet und ziemlich labyrinthisch angelegt. Sie begann mit den Anfängen des Totalitarismus in Europa und Asien und den Entwicklungen und Voraussetzungen, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 führten, der ja bekanntlich direkt bei Danzig an der „Westerplatte“ von Deutschland begonnen wurde. 




Polen hatte hier einen Militärstützpunkt (offiziell nur ein Munitionsdepot), den Nazi-Deutschland als erstes Ziel angriff. Als Vorwand diente die Behauptung, Polen stünde im Begriff, sich Danzig einzuverleiben, dies sei also reine „Selbstverteidigung“ …  Aus polnischer Sicht war die - anfangs noch sehr erfolgreiche - Verteidigung der Westerplatte dagegen die erste ernsthafte Gegenwehr eines souveränen Staates gegen die Annexionsbestrebungen Hitlerdeutschlands (nachdem bereits Österreich und die Tschechoslowakei völkerrechtswidrig „angeschlossen“ waren). 

Weiter gings mit dem Krieg selbst, der Judenverfolgung, wie die Deutschen mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten umsprangen … Kennt man natürlich alles aus dem Geschichtsunterricht und aus Büchern, ging hier durch die sehr anschauliche und eindrückliche Aufbereitung mit Filmen, Zeitungsberichten und aus der damaligen Zeit erhaltenen Gegenständen noch einmal ganz anders unter die Haut. An zwei Stellen waren sogar Danziger Straßenszenen vor und nach den Zerstörungen im Krieg komplett in Originalgröße nachgebaut mit Gebäuden, Geschäften, Fahrzeugen usw. 

Mit der Zeit sahen wir uns allerdings immer weniger davon genauer an, weil wir am Ende doch nicht nicht den ganzen Nachmittag im Museum verbringen wollten. Etwas schade fand ich das schon, aber letztlich war ich auch froh, wieder ans Tageslicht zu kommen, wo vor dem Eingang gerade ein recht schräges Konzert für Glockenspiel (ein fahrbares, das an einen alten Magirus-Laster angehängt war) und Sopransaxophon (meine ich mal …) stattfand. 


Umsonst und draußen


Von hier lenkten wir unsere Schritte dann Richtung Werft, bzw. zu einer bestimmten Stelle am Ufer der Martwa Wisła (= Tote Weichsel), des Weichselarms, der an der Westerplatte ins Meer mündet. Hier sollte es einige sehenswerte Plastiken direkt am und im Wasser geben, die wir dann auch tatsächlich entdeckten: lauter „Menschen“ aus allerhand Schrottteilen (Fundstücken von der Werft), die so aufgestellt waren, dass sie scheinbar gerade dem Wasser entstiegen oder soeben an Land gegangen waren. Ein kurzes Stück davon entfernt, wo der Künstler (Czesław Podleśny) wohl in einer Art Open-Air-Werkstatt gearbeitet hatte, gab es dann auch noch Tierfiguren zu bewundern, die in ähnlicher Manier gefertigt waren. 


Eine Invasion?




Entlang der Motława spazierten wir wieder ins Zentrum zurück, gönnten uns unterwegs in einer teils noch im Bau befindlichen Trabantenstadt ein ziemlich massives, ziemlich gutes Eis, das derart für Abkühlung sorgte, dass ich im Schatten mit der Zeit sogar zu frösteln begann, und kehrten dann so ganz allmählich für ein Päuschen ins Hotel zurück. 


Das WW II Museum von der Mündung des Mühlkanals aus.


"AmberSky" - Riesenrad


Blick durchs Frauentor auf die Mariacka,
eine Gasse mit vielen Bernsteinhändlern


Abends zogen wir mit dem Vorsatz los, nur „was Leichtes“ essen zu wollen, doch die Ramen-Suppen im „Gyozilla Ramen Chmielna“ erfüllten dieses Kriterium letztlich höchstens zum Teil … Vielleicht meine vegetarische (oder gar vegane?) Variante noch eher, Günters „Spicy Minced Pork“-Suppe war mit viel Kokosmilch zubereitet und von daher doch wieder ziemlich deftig. Zu Anfang galt es allerdings lang zu warten, was von uns aus kein echtes Problem war, waren wir doch beide vom Eis noch recht voll … 

Anschließend wollten wir Danzig dann noch nicht gleich den Rücken kehren und den Rest des Abends im Hotel verbringen, obwohl es durch die lange Wartezeit im Restaurant schon deutlich später geworden war, als wir gedacht hatten. So schlenderten wir noch einmal über den Langen Markt und hinüber in die „Ulica Piwna“, wo uns die skurrile Bar „Josef K.“ schon am ersten Abend aufgefallen war. Platz zur finden war hier kein Problem und das Ambiente hätte durchaus zum Verweilen eingeladen. Doch als wir uns etwas mühsam mit Hilfe des Google-Lens-Übersetzungsprogramms auf je ein Getränk festgelegt hatten und Günter an der Bar bestellen wollte, kam prompt gerade ein ganzer Pulk Leute an und drängte sich vor. 


Abends am Neptunbrunnen


Noch einmal eine Ewigkeit warten? Dazu fehlte uns die Lust. So verließen wir etwas genervt das "Josef K." und kehrten schließlich ein Stück die Gasse runter in der "Gatsby Gdański Cocktail- und Whiskybar" ein. Hier wurden die Bestellungen ganz klassisch von einem Kellner aufgenommen, der zudem auf amerikanische Art überfreundlich war, doch leider landeten wir etwas unglücklich und allein im Hinterstübchen – vorn war nichts frei gewesen und draußen wollten wir nicht sitzen, dafür wars doch schon arg kühl, obwohl das vielen anderen nichts auszumachen schien. So schlürften wir unsere Cocktails, ohne viel von der Baratmosphäre zu haben, und kehrten dann spät und schon im Dunkeln ins Hotel „heim“.




Nach einer weiteren ruhigen Nacht wurde am Mittwochmorgen alles Geraffel wieder ins Auto gepackt und es hieß Abschied nehmen von Danzig. Noch einmal ging es entlang der Küste nach Osten, zunächst bis zur Mündung der (richtigen, „lebendigen“) Weichsel in die Ostsee, wo es in einem Naturreservat (Rezerwat Przyrody Mewia Łacha) neben vielen Vogelarten auch Robben geben sollte. Unterwegs wurde noch getankt und in einem Lidl, der geschickt am Weg lag, eingekauft, dann ging es zum Parkplatz am Rand von Świbno, wo wir dem schütteren Schatten eines Baumes nicht vertrauten und den Kühlschrank lieber an die Batterie anschlossen (zu recht: als wir zurückkamen war der Schatten längst verschwunden). 

Die kleine Wanderung an der Weichsel entlang führte zunächst zum Glück hauptsächlich durch Wald, wurde später arg sandig und war in puncto „Wildlife“ leider völlig enttäuschend: weder Robben noch Vögel ließen sich sehen. - Für die Robben, die man hier offenbar auf weiter vom Ufer entfernt gelegenen Sandbänken tatsächlich antreffen könnte, hätten wir wohl eine Bootstour mitmachen müssen. Und was Vögel anging, war es für mich vom Ufer aus, ganz ohne Fernglas-Unterstützung, ohnehin unmöglich, auf einer Sandbank draußen vor der Flussmündung irgendetwas zu erkennen, da half auch der eine oder andere erhöhte Ausguck nichts. Doch auch Günter hatte mit seiner Kamera kaum eine Chance. Immerhin entpuppten sich die fernen Punkte, die eine Sandbank bevölkerten, auf den Fotos als Kormorane und später, an der teilweise von einem unappetitlichen Algenteppich bedeckten Lagune, an der wir entlang marschieren mussten, um den Strand zu erreichen, konnte er ein paar flüchtende Samtenten fotografisch einfangen. 


Auf dem Weg zur Weichselmündung


Johanniskraut (am Johannistag :)) 


Wo Weichsel und Ostsee verschmelzen


Kormoranpunkte und "fliegende" Schiffe


Fliehende Samtenten


Endlich am Strand angelangt stellten wir fest, dass hier im Mündungsgebiet der Weichsel das Ostseewasser nun doch mal schmutzig-bräunlich war, zudem ziemlich warm, und leider gab es hier auch keinerlei Schatten für eine angenehme Mittagspause. Dennoch wateten wir ein paar hundert Meter den Strand entlang, bis wir einen der beschilderten Zugänge erreicht hatten, und ließen uns dort bei einem Baumstamm zum Vespern nieder. 

Anschließend mussten wir noch ein Stück trockenen, sonnenbeschienenen Strand überqueren und hier wurde der Sand irgendwann derart heiß, dass ich schnell mit sandigen Füßen in die Schuhe schlüpfte, während Günter die letzten Meter bis zum ersten Schattenfleck am Waldrand im Spurt nahm … Von dort war der Rest des Rückwegs zum Glück recht kurz und verlief wieder überwiegend im Wald. 


Die Danziger Bucht - zum Baden eher weniger einladend


Manche mögens heiß ...


... wir freuen uns über jeden noch so schütteren Schatten.


Mit dem Auto rollten wir anschließend erst nur ein paar hundert Meter weiter ans Weichselufer, wo es eine kleine Fähre geben sollte. Wir hatten Glück, denn gerade als wir beim Anleger ankamen, setzte diese von der anderen Flussseite über, so dass wir schon nach wenigen Minuten auf die Plattform rollen konnten. Noch zwei oder drei andere Autos und einige Radler und Fußgänger gesellten sich dazu und etwa 10 Minuten später wendete der Schubkahn und los ging die Überfahrt. Nach höchstens 5 Minuten war Mikoszewo, die Ortschaft am gegenüberliegenden Weichselufer, erreicht und schon konnte es weiter gehen auf die „Frische Nehrung“, einen schmalen Landstreifen zwischen der Ostsee und dem „Frischen Haff“, einer ziemlich großen Lagune. 


Die Weichsel-Fähre kommt ...


... und bringt uns ans andere Ufer nach Mikoszewo.


Durch viele sehr touristisch geprägte Ortschaften ging es schließlich bis nach Piaski, der letzten Siedlung vor der Grenze zum russischen Kaliningrad. Der Campingplatz, für den wir uns hier entschieden hatten, stellte sich als eher mäßig komfortabel heraus, doch die Internetkritiken für den zweiten Platz, den es hier gab, waren wohl noch verheerender gewesen ... Jedenfalls war hier, nahezu alles vollgestellt mit alten Dauercamper-Wohnwagen, so dass nur eine kleine Wiese für wirklich mobile Gäste blieb, die sich im Lauf des Nachmittags schnell füllte. Wir hatten uns unter den einzigen größeren Baum platziert, der hier Schatten spendete und unter dem auf der anderen Seite bereits eine Mutter mit ihrem halbwüchsigen Sohn ihr Zelt aufgeschlagen hatte.

Abendessen gab es an diesem Tag bereits um halb 6, weil die Ausflugsgaststätte „Smaki Morza“ offiziell bereits um 18 Uhr schloss. Allerdings stellten wir dann fest, dass man es wohl nicht so genau damit nahm, weil einige Gäste noch später kamen und auch nicht weggeschickt wurden. Wir entschieden uns für gebratenen Heilbutt mit Pommes, einen gemeinsamen Salat und Pierogi auf „russische“ Art (mit Frischkäsefüllung und etwas Speck und Zwiebeln). War alles ok und für 120 zł inklusive Getränke recht günstig. Die Spezialität des Hauses schien allerdings Borschtsch zu sein, so häufig wie aus der Küche ein riesiger Pott davon rausgeschleppt wurde. Als Nicht-Polen schienen wir hier eher die Ausnahme zu sein, die Speisekarte gab es jedenfalls ausschließlich auf Polnisch, doch der junge Mann, der die Bestellung aufnahm, sprach, wenn es sein musste, durchaus auch Englisch.


Abends am Frischen Haff bei Piaski mit klarer Sicht
bis hinüber nach Frombork (Frauenburg)



Donnerstag, 25. Juni – Piaski / Campingplatz



Abends war es dann, wie wir angesichts der dichten Belegung befürchtet hatten, noch lang relativ unruhig. Ein Spätankömmling mit Wohnmobil rumpelte unendlich oft mit seinen diversen Türen und sein Monsterhund (Typ: zu groß geratener Boxer) blaffte von Zeit zu Zeit mit einem so tiefen, dröhnenden Rumms, dass es eine Weile dauerte, bis ich das Geräusch überhaupt als „Hund“ eingeordnet hatte … Und ein polnisches Paar, das direkt neben uns campierte, unterhielt sich erst ewig draußen am Tisch und später noch im Zelt, als wir bereits in den Schlafsäcken lagen. 

Morgens heizte sich unsere Dachstube leider schon ab halb 7 unerträglich auf, so dass wir erst die Klappe und später sogar den Reißverschluss an der Dachbespannung öffneten. Dann gings für eine Weile wieder so einigermaßen, aber wir standen trotzdem bald auf, weil mittlerweile auch der Rest des Platzes erwacht war. Zum Frühstück stellten wir den Tisch in den Schatten von Auto und Baum, wobei sich leider nicht vermeiden ließ, dass wir dem Zelt von Mutter und Sohn unangenehm nah kamen.

Und dann machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur russischen Grenze, die hier nur noch gut 4 km entfernt war. Diesmal nahmen wir auch die Badesachen mit, um bei dieser letzten Gelegenheit doch noch den Sprung in die Ostsee zu wagen. Zunächst ging es direkt gegenüber vom Campingplatz einen sandigen Hang hoch und in den Kiefernwald hinein, dann immer auf dem Rücken zwischen Ostsee und Haff, die man von dort aus allerdings beide nicht sah, durch den Wald nach Osten. Dabei querten wir immer wieder Pfade, teils auch breitere, befestigte Wege, die direkt zum Strand oder einem Parkplatz dicht dabei führten. 


Auf dem Weg zur russischen Grenze


Im Wald war es an diesem Morgen sehr angenehm kühl, doch leider stürzten sich sogleich die verschiedensten Blutsauger auf uns. So kam hier zum ersten Mal unser Anti-Mückenspray zum Einsatz, das denn auch die Mücken durchaus abschreckte, die Hirschlausfliegen, von denen es hier nur so wimmelte, dagegen weitgehend unbeeindruckt ließ. Zum Glück spürte man es meist, wenn sich eines dieser Viecher auf einem niederließ und herumkrabbelte, und zum Glück ist diese Spezies derart einfältig (r-Strategen par excellence), dass es kein Problem war, sie wieder loszuwerden … 

Nach einiger Zeit passierten wir eine Radarstation, neben der Überreste einer historischen deutschen Station im Wald vor sich hin rotteten. (Für uns nicht wirklich von Interesse, ich erwähne sie eigentlich nur, weil sie in diversen Karten vermerkt ist.) Von hier folgten wir dann einem Pfad nach Süden zu einer Stelle mit Aussicht über das Frische Haff bis nach Frombork (Frauenburg). Letzteres war allerdings im Dunst und Gegenlicht kaum auszumachen, das hatten wir am Vorabend vom kleinen Hafen in Piaski schon deutlich besser gesehen. 

Und nun war es gar nicht mehr weit bis an die Grenze oder jedenfalls bis zu dem Zaun etwa 300 m vor der eigentlichen Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Wo ein Weg diesen Zaun durchbrach, standen Schilder, die auf Polnisch und Englisch darauf hinwiesen, dass hier die Europäische Union endete und es unter Strafe (2 verschiedene Paragrafen zur Auswahl, die einmal bis 3 Jahre Haft, das andere Mal nur ein Bußgeld androhten) verboten war, diese Linie zu überschreiten. Auch am Strand stand so ein Schild, wobei der Zaun ein paar Meter vor der Wasserlinie endete und man von daher problemlos in die verbotene Zone hätte eindringen können - zunächst jedenfalls ... Im Wald begann der Zaun im Übrigen erst jeweils etwa 30 cm über dem Boden und an vielen Stellen existierten offensichtliche Wildwechsel. So war der Grenzübertritt immerhin den Wildschweinen genauso wenig verwehrt wie den Seevögeln. 


300 m vor der Grenze beginnt die verbotene Zone.


Strand im Niemandsland


Der Grenzzaun endet kurz vor der Wasserlinie.


Diesmal hatten wir ja fest vor, endlich in die Ostsee zu hüpfen (alle beide und im Badekostüm) – allerhöchste Zeit, wo wir uns schon anderntags von der Küste verabschieden wollten! So wateten wir nur ein paar hundert Meter an der Küste Richtung Westen bis wir am Rand des Strands einen Baumstamm entdeckten, auf dem wir unsere Rucksäcke ablegen konnten. Selbst setzten wir uns auf die Picknickdecke, aber die Rucksäcke sollten möglichst nicht schon wieder völlig eingesandet werden. Günters Rucksack hatte von unseren ersten Strandaufenthalten noch nach zwei Tagen Danzig, wo immer man ihn ablegte, eine wahre Sanddüne hinterlassen … 

Und dann ging es ab in die Ostsee, die hier wieder deutlich klarer, aber auch etwas kühler war als an der Weichselmündung. Die Brandung war an diesem Tag ziemlich heftig, aber da es auf Höhe unseres Lagerplatzes eine vorgelagerte, nur knapp überspülte Sandbank gab, brauchte man trotzdem keine Angst vor einer „Waschmaschine“ zu haben. Später vesperten wir und dann tauchte jeder von uns noch einmal in die Fluten, ehe wir uns am Strand entlang auf den Rückweg machten.


Endlich das ersehnte Bad in der Ostsee :)


Mit nassen Badeklamotten ist es draußen schon fast zu kühl.

 
Ein letztes Mal am Strand entlang spazieren.


Unterwegs fiel uns irgendwann auf, dass hier besonders viele Leute quasi mit der Nase im Sand am Strand entlang gingen, und bei genauerem Hinsehen entdeckten wir dann auch den Grund: Bernsteinsplitter, die praktisch überall dort am Strand angeschwemmt wurden, wo die Wellen auch anderes leicht schwimmendes Material (Tang, Algen, Treibholz, Müll, …) abgelagert hatten. Und natürlich wanderten auch bei uns ein paar Splitter zur Erinnerung in die Hosentaschen. 


Strandgut ...


... mit kleinsten Bernsteinsplittern


[Erst hinterher las ich, dass man Bernsteinfunde niemals in die Hosentaschen stecken sollte, da es sich an der Ostsee auch um weißen Phosphor handeln könnte (eines der vielen gefährlichen Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg), der Bernstein täuschend ähneln soll und sich beim Trocknen entzünden kann …]

Besonders heiß war es an dem Tag im Übrigen nicht, laut offiziellen Quellen lediglich 22°C, wobei sich dies in der prallen Sonne am Strand, und wenn der Wind gerade eine Pause einlegte, natürlich deutlich heißer anfühlte. Und die Sonneneinstrahlung war so heftig, dass wir uns zwischendurch tatsächlich noch einmal eincremten. So waren wir doch froh, als wir endlich den angepeilten Strandausgang und damit wieder schattigen Wald erreicht hatten. 


Auch Hunde ...


... genießen den Sprung in die Ostsee.


In gerader Linie ging es dann hinüber ans Haff, eine erstaunlich kurze Strecke, und dann waren es noch ein paar hundert sonnig-heiße Meter bis zum Café, der Kawiarnia Na Piaskach, wo wir für Kaffee und Eis einkehrten. Beides überzeugte hier restlos und bedauerlich war nur, dass wir nicht auch noch die verlockenden Kuchen und Torten versuchen konnten …


Noch einmal ein Blick hinüber nach Frombork
von der Terrasse des Cafés


Zurück am Campingplatz stellten wir fest, dass nicht nur unsere deutschpolnischen Nachbarn abgereist waren, sondern auch ein Paar plus Husky mit seinem Camper. So blieben zunächst nur noch die Mutter mit ihrem Knaben und der Typ mit seinem Monsterhund, sowie einige wenige Dauercamper. 

Nach einer ausgedehnten Nachmittagspause – wir waren diesmal schon um halb vier wieder zurück – mit Duschen, einer kleinen Wäsche und schon mal Bilder bearbeiten bzw. Tagebuch schreiben, begaben wir uns zum „Four Winds Resort & Spa“, dessen Hotelrestaurant zu dieser Zeit in Piaski die einzige Alternative zum Ausflugslokal vom Vortag darstellte. 

Einen Wild-Burger mit Pommes, eine Pizza Diavola und einen Salat später konnten wir gesättigt zum Campingplatz zurückkehren, auf dem inzwischen noch ein Wanderer und ein Radler mit ihren Zelten eingetroffen waren. Der Wanderer, ein Junge, der gerade mit der Schule fertig war, hatte sein Zelt in unserer Nachbarschaft aufgestellt und war sehr gesprächig. Gleich nach unserer Rückkehr erzählter er uns, dass er in 19 Tagen von der deutschen Grenze entlang der Ostsee hierher gewandert sei. Und ehe er wieder nach Hause fuhr, sollte es anderntags natürlich noch vollends zur russischen Grenze gehen.


Nach Masuren



Freitag, 26. Juni – Krutyń – Camping Mazur Syrenka Resort



An diesem Morgen nahmen wir, nach erfreulich ruhiger Nacht, dann also endgültig Abschied von der Ostseeküste. Bis Sztutowo (das frühere Stutthof, bei dem es in der NS-Zeit ein KZ gab, heute eine Gedenkstätte) rollten wir auf gleicher Strecke zurück und querten dann zur 502 nach Nowy Dwór Gdański. Kaum hatten wir der Küste den Rücken gekehrt und befanden uns auf Südkurs, stieg das Thermometer innerhalb weniger Kilometer von 24 auf 26°C, im Lauf des Tages dann auch mal bis auf 29°C. So bewahrheitete sich also unsere Vermutung, dass wir von nun an der „Hitzeglocke“, die da bereits seit gut einer Woche über Mitteleuropa lag (die Zeitungen sprachen von Tagestemperaturen bis 40°C, nachts kaum mehr unter 27°C in Teilen Deutschlands …), nicht mehr würden entkommen können. 

Auf der Autobahn S7 ging es an Elbląg vorbei nach Südosten, dann kontraintuitiv auf der E28 wieder relativ weit nach Nordosten und Richtung russische Grenze. Schließlich brachten uns diverse kleinere Straßen, jetzt wieder in südöstlicher Richtung, bis ins Städtchen Reszel, wo Günter ein Restaurant fürs Mittagessen (Restauracja Kasztan), sowie eine interessante alte Kirche und Burg für den anschließenden Verdauungsspaziergang ausfindig gemacht hatte. Unterwegs noch ein Einkauf im Lidl von Lidzbark Warmiński, einer relativ großen Stadt, die aber hauptsächlich durch Militärkasernen und trostlose Plattenbauten auffiel. 

Das Essen in der „Restauracja Kasztan“, das hier mal wieder direkt an der Theke bestellt werden musste, war dann ok, aber übersichtlich. Wir hatten allerdings auch nur ein paniertes Kotelett mit Pommes und Salat (Kraut und Rote Bete), sowie einen weiteren Salat bestellt, der sich ebenfalls hauptsächlich als „Fleischsalat“ herausstellte: Schweinegeschnetzeltes auf einem Bett von gemischtem Blattsalat, der leider eher abgestanden und nicht besonders gut angemacht war. Brot gab es keines dazu, hätte man aber vielleicht extra bestellen können. Doch obwohl so zunächst ein leicht unbefriedigtes Gefühl blieb, war es am Ende doch genug, um uns beide satt zu bekommen ;)

Anschließend spazierten wir auf den Hügel mit Burg und Kirche und erklommen über recht abenteuerliche Holzstiegen den Kirchturm. Dessen Aussichtsplattform war nur durch eine gläserne Dachluke zu erreichen, die Günter mühsam aufstemmen musste – woraufhin gleich mal ein paar Tauben entfleuchten, die wohl schon eine Weile im Turm eingesperrt gewesen waren. – Naja, vermutlich gab es auch sonst irgendwelche Durchschlupfe, wo die Vögel von drinnen nach draußen gelangen konnten, jedenfalls wirkten sie gut genährt. Der Ausblick über Burg und Städtchen war dann sehr nett, aber dem Boden der Aussichtsplattform, der an manchen Stellen nachgab, wenn man darauf trat, vertraute ich nicht so recht.
 

In der Peter- und Paulskirche von Reszel


Aussicht vom Kirchturm zur Burg ...


... und über die Dächer des Städtchens


So traten wir bald den Rückzug über die steilen Stiegen an (v.a. die oberste konnte es mit jeder Dachbodenleiter aufnehmen), spendierten unten angelangt dem „Turmwächter“ unser weniges polnisches Kleingeld und drehten dann noch eine Runde durchs Städtchen, das laut Wikipedia bis 1945 deutsch war und Rößel hieß. Spuren aus dieser Zeit hatten wir bereits auf dem Kirchturm entdeckt, wo sich einige Arbeiter aus den 1930er-Jahren mit ihren sehr deutschen Namen (z.B. Fittkau) verewigt hatten, und auch am Taufbecken in der Kirche gab es eine Inschrift auf Deutsch: „Siehe, dies ist mein eingeborener Sohn …“. 


Peter- und Paulskirche




Bei der Weiterfahrt machte sich bei mir mal wieder die übliche Mittagsmüdigkeit breit, so dass ich die ersten der vielen masurischen Seen gleich mal verpasste – sofern sie überhaupt von der Straße aus sichtbar waren, meist lagen sie im Wald verborgen. In der Gegend um das Landschaftsschutzgebiet Zakręt angelangt, war der Plan zunächst, noch eine Runde zu „wandern“ und dann erst zum Campingplatz weiterzufahren. Da meine Lust sich aber sehr in Grenzen hielt, mittags zwischen 3 und 4 in der größten Hitze des Tages herumzulaufen, drehten wir das ganze einfach um. 

Und am Ende erwies sich dies nicht nur wegen der Temperaturen als eine gute Entscheidung, denn so bekamen wir auch gerade noch einen einigermaßen akzeptablen Stellplatz, ehe hier die polnischen Großfamilien einfielen und ganze Zeltstädte aufbauten. Zunächst war der Platz noch fest in deutscher Hand gewesen mit, meiner Einschätzung nach, lauter eher ruhigen Zeitgenossen. Das änderte sich später gewaltig, denn an diesem Tag begannen in Polen die Schulferien. 

Tatsächlich hatten wir tagsüber schon überall in den Dörfern herausgeputzte Kinder gesehen, die ganz offensichtlich ihre Zeugnisse abholen gingen oder mit diesen nach Hause eilten. Und im Restaurant beim Mittagessen hatten wir die Übergabe eines kleinen Mädchens an die Oma miterlebt, dessen Eltern vermutlich (noch) keinen Urlaub hatten. 

Die polnischen Familien hier auf dem Platz hatten aber offensichtlich Urlaub und das feierten sie gebührend. Da waren wir ja mal gespannt auf die kommende Nacht … 


Badespaß zu Ferienbeginn an der Krutynia


Bei unserer Ankunft hatte uns die perfekt deutsch sprechende Rezeptionistin mehrere Schlüssel für Stromkästen mitgegeben, damit wir uns am gewünschten Platz einstöpseln könnten. Allerdings war die freie Steckdose im Kasten unserer Wahl dann gar nicht angeschlossen, die eben noch verfügbare am Alternativplatz, den wir dann zunächst erwogen, wurde in diesem Moment von einem polnischen Familienvater belegt und außerdem hätten wir eh nicht direkt neben deren Zelten stehen wollen. So beschlossen wir, zu bleiben, wo wir waren und uns mit unserer Batterie zu behelfen. Die 30 zł, die hier pauschal für Strom berechnet wurden, sparten wir uns gerne, weil sie für unser bisschen Verbrauch sowieso völlig überzogen waren. Unser Nachbar, der uns schon auf den fehlenden Anschluss aufmerksam gemacht hatte, bot uns dann an, einfach bei ihm in die Kabelrolle mit einzustecken, und dieses freundliche Angebot nahmen wir gerne an. 

Nachdem wir den „Max“ auf dem Campingplatz installiert hatten, machten wir uns noch zu Fuß ins Schutzgebiet auf und besuchten drei kleinere Seen, zu denen der Weg sehr schön und jetzt am Abend absolut einsam durch den Wald führte. An den Seeufern war es jeweils sehr moorig und bei genauem Hinsehen war hier überall Sonnentau zu entdecken! Nur der Elch machte sich hier genauso rar, wie damals in Schweden … 


Abends im Naturreservat Zakręt bei Krutyń


Moorweiher, ...


... Birken ...


... und Sonnentau


Seit dem vorigen Abend plagten mich Blasen an beiden kleinen Zehen, vermutlich eine Folge davon, dass ich in den letzten Tagen über weite Strecken und trotz allen Bemühungen, diesen loszuwerden, mit Sand an den Füßen und in den Schuhen gewandert war. Da hätte ich jetzt gerne die Möglichkeit gehabt, auf mein anderes Paar Schuhe umzusteigen, jedoch …

In Sachen Hitze blieb es an diesem Tag im Übrigen immer noch recht erträglich und im Lauf des Abends wurde es an den masurischen Seen sogar wieder angenehm kühl. Lange Hose und Shirt waren also angesagt, was beides natürlich auch vor den tausend angriffslustigen Mücken schützte, die in der Dämmerung über uns herfallen wollten.


Samstag, 27. Juni – Wroceń, auf dem Campingplatz „Dolina Biebrzy“…



… und vom Regen in die Traufe: Als wir gegen halb fünf nachmittags dort ankamen, stand auf der Campingwiese am Flüsschen Biebrza lediglich ein Zelt unter dem einzigen Baum, der hier Schatten spendete. (Und Schatten war spätestens seit diesem Tag bitter nötig, denn auch im östlichen Polen stieg das Thermometer nun bis auf 33°C.) Einige Zeit später begann jedoch auch hier der Aufbau einer veritablen Zeltstadt, wurde für das Lagerfeuer am späteren Abend eine Schubkarre voller Holz besorgt und die Feuerschale wenige Meter unterhalb unseres Campers bei einer Sitzgruppe platziert ...

Aber jetzt erst mal der Reihe nach:

Die vorige Nacht war, obwohl unsere polnischen Mitcamper bis tief in die Nacht feierten, dank Ohrstöpseln letztlich auch bei mir ganz ok gewesen. Morgens wurde es dann leider schon gegen 7 so unerträglich heiß in unserem Schlafbereich (wieder kein Stellplatz, der morgens im Schatten lag …), dass wir wenig später gerne aufstanden, frühstückten und zusammenpackten. Allerdings ließen wir mit Erlaubnis der Rezeption unser Auto bis auf Weiteres auf dem Campingplatz stehen und parkten lediglich auf einen Schattenplatz um. Man habe Platz genug, kein Problem, hieß es – sehr schön! So unkompliziert ist das leider nicht immer. 


Frühstück auf dem Campingplatz in Krutyń - die scheinbare
Einsamkeit trügt ...


Mit den Rollern sollte es an diesem Tag noch einmal ins Landschaftsschutzgebiet Zakręt gehen, so luden wir diese nun aus und machten uns auf den Weg zum ziemlich großen See „Jezioro Mokre“. Meist ging es auf dem Radweg ganz gut voran, obwohl das Gelände überraschend hügelig war. Stellenweise waren die Wege jedoch auch hier so sandig, dass uns nichts anderes übrig blieb, als zu schieben. Der See war trotzdem recht flott erreicht und nach ersten Fotos rollten oder mühten wir uns, je nach Gelände und Untergrund, in mehr oder weniger Abstand vom Ufer, einige Kilometer an diesem entlang. 

Diesmal hatten wir auch wieder die Badesachen eingepackt und so hielten wir nebenbei immer Ausschau nach möglichen Badestellen. Ziemlich lang gab es jedoch keine passende Gelegenheit, entweder war der Schilfgürtel im Weg oder wir zu hoch oberhalb des Ufers und gab es keinen Weg hinab oder der Pfad war zu steil und die mögliche Einstiegsstelle zu wenig einladend. Einmal führte uns ein zunächst vielversprechender Pfad letztlich lediglich zu einem uralten Baum. 


Am Jezioro Mokre


Die Radwege sind hier gut "ausgeschildert".


Plattbauch (Libellula depressa)


Paddeln wäre hier wirklich eine Alternative ...


Erst als wir bereits fast am Aufgeben waren, weil es auf 11 Uhr zuging und es so langsam Zeit für die Rückfahrt wurde, fanden wir dann doch noch einen passenden Platz. Ein älteres polnisches Paar saß schon dort bzw. sie saß und er verschwand gerade im Gebüsch, um seine Badehose anzuziehen. Schnell folgten wir seinem Beispiel, wenn auch ohne Busch, dafür mit schamhafter Handtuchverhüllung, und konnten endlich ins angenehm kühle Nass hüpfen. – Was für eine Wohltat nach der schweißtreibenden Rollerfahrt und dem Geschmeiß, das trotz ausgiebigem Einnebeln mit dem Mückenspray noch immer um uns herumgeschwirrt war! 


Eine Wohltat!


Ein "Hubschrauber" (aka Libelle) über dem Jezioro Mokre


Leider konnten wir nicht ewig im Wasser bleiben, denn bis 12 Uhr, wie versprochen, würden wir es nun zwar sowieso schon nicht mehr zurück nach Krutyń schaffen, aber wir wollten die Geduld der freundlichen Campingplatzleute dann doch nicht bis zum Äußersten ausreizen. Gerade als wir fast wieder angezogen und bereit zur Abfahrt waren, legte an dem Badeplatz ein Boot mit einer jungen Familie an, auf die unser älteres Paar offenbar gewartet hatte. Die junge Frau sprach uns dann an, erst auf Polnisch, dann auf Englisch, ob wir eventuell ein Anti-Mückenmittel hätten, das wir ihr borgen könnten. Sie habe ihres vergessen und wolle nur ihren kleinen Sohn einsprühen, weil es so viele Mücken und Zecken hier gebe. Konnte sie natürlich, na klar! 

Beim Rückweg hielten wir uns dann nicht immer an die Radwege, sondern wichen auch auf den einen oder anderen schmaleren Pfad aus. Hier zwangen uns nun öfter mal die Wurzeln der Bäume zum Absteigen, dafür ging es noch einmal an zwei sehr lauschigen Moorweihern vorbei. Im Übrigen begegneten uns heute auf allen Wegen nur extrem wenige Leute, genau genommen lediglich ein Radler und zwei Spaziergängerinnen. Dafür tummelten sich Unmengen an Leuten auf dem See und auf dem Flüsschen Krutynia. Aber das Wetter war ja für eine Bootstour auch ideal. 


Jezioro Kruczek Duzy


Jezioro Krucy Staw


Viel Paddelverkehr ...


... auf der Krutynia


Was nicht heißen soll, dass wir unsere Runde durch den Wald mit der Badepause, nicht alles in allem ebenfalls genossen hätten. Gegen Ende allerdings zog sich der Weg dann noch etwas, zumal wir irgendwo falsch abbogen und zunächst eine Brücke zu weit südlich an der Krutynia herauskamen. So mussten wir noch einmal ein ganzes Stück zurück und den Berg hoch rollern, ehe wir wieder auf dem „rechten Weg“ waren. 

Zurück auf dem Campingplatz beschlossen wir, das Auto möglichst noch einmal an seinem Schattenplatz stehen zu lassen und direkt gegenüber dem Platzeingang die „Restauracja Czarny Jeleń“ zum Mittagessen aufzusuchen. Auch hierfür erhielten wir die Erlaubnis von der zufällig vorbeiradelnden Rezeptionistin, bei der wir gestern eingecheckt hatten. Es stimmte natürlich auch: auf dem riesigen Campinggelände gab es noch jede Menge Platz. Morgens waren viele der deutschen Camper, u.a. auch unsere beiden Nachbarn, abgereist und bis dahin noch kaum jemand neues dazugekommen. Aber so läuft es im Grunde ja auf allen Campingplätzen und trotzdem erfährt man längst nicht überall ein solches Entgegenkommen. 

Das Essen auf der Terrasse der Restauracja direkt am Fluss, war dann von erfreulich hoher Qualität: Dorsch-Burger mit Krautsalat, Rucola, einem ziemlich guten, mit Schwarzkümmel bestreuten Brötchen und Süßkartoffelpommes machten mich restlos glücklich und Günters Pulled Beef auf Salzkartoffeln (mit Schale) und mit gemischten, pikanten Pickles (Möhren, Rote Bete, Gurken) überzeugte ebenfalls. Nicht wenig staunten wir, dass das Mädel, das uns bediente, perfektes Englisch sprach, das (für unsere Ohren) sehr nach Oxford klang. Ansonsten war es hier auch sehr nett, von der Terrasse konnte man dem bunten Treiben auf dem Fluss zusehen, auf dem jede Menge Kanus und Kajaks, SUPs und einmal auch ein Schlauchboot mit Elektromotor vorbeitrieben und -fuhren. 




Bei der Weiterfahrt Richtung Südosten kletterte das Thermometer im Auto schnell über 30°C und pendelte sich später auf 33°C ein. Da waren wir schon froh an unserer funktionierenden Klimaanlage während der Fahrt und beim Zwischenstopp an einem Dino-Supermarkt, wo neben den Semmeln fürs Abendessen auch noch zwei Kirsch-Sahne-Eise mitgingen, war das Aussteigen entsprechend ein kleiner Schock. 

Die Masurischen Seen hatten wir nun leider schon wieder hinter uns gelassen und damit auch die üppigen schattenspendenden Wälder dort. An diesem Abend befanden wir uns in einer Gegend, die eher arm an Bäumen, dafür umso reicher an Mooren war. Direkt am Campingplatz floss, wie erwähnt, das kleine Flüsschen Biebrza vorüber, dessen Flusstal tatsächlich ein eigener Nationalpark (Biebrzański Park Narodowy) ist. Ebenso wie auf den Gewässern Masurens, wurde auch hier offenbar viel gepaddelt und sich mit anderen Booten fortbewegt. Bei den Betreibern des Konglomerats an Unterkünften, zu dem auch der Platz gehörte, hätte man neben Kajaks beispielsweise eine Art schwimmender Holzunterstände mit flachem Dach leihen können, die wie Stocherkähne mit Stangen angetrieben und gelenkt wurden. 


Abends am Campingplatz Dolina Biebrzy


Bei der Hitze springen wir gleich nach der Ankunft
noch in die Biebrza


Günter ergreift die Gelegenheit und schnorchelt, allerdings
ist zwischen den Wasserpflanzen oft kaum ein Durchkommen.


Günter hatte hier hauptsächlich deshalb eine Übernachtung eingeplant, weil es irgendwo in den Weiten der Moorlandschaft (mal wieder ...) Elche geben sollte. Doch außer fotogenen Nebelschleiern über Fluss und Moor zeigte sich an diesem Abend leider nichts. 


Abendstimmung an der Biebrza


Anderntags sollte es laut Prognosen bis zu 39°C heiß werden und was wir dann hier anstellen sollten, war mir ziemlich schleierhaft – bei diesen Temperaturen in der prallen Sonne durch den Sumpf wandern …?





Im äußersten Osten Polens


Sonntag, 28. Juni – Białowieźa – House of the Stork, Guesthouse and Campsite



Zu jedem Urlaub, jeder Reise gehört offenbar (mindestens) ein Tag, an dem mal so richtig alles schief geht, und dieser hier hatte über weite Strecken das Zeug zu einem solchen ...

Morgens beim Aufstehen – diesmal dank Schattenplatz weniger gekocht als in den letzten Tagen – lief noch alles glatt und wir waren recht zeitig abfahrtsbereit. Auf dem Platz herrschte sowieso schon früh große Aufbruchsstimmung, denn ein Großteil der polnischen Gäste verfrachtete erstaunliche Mengen an Gepäck und sogar einen Teil der Zelte auf zwei Flussboote, mit denen sie offensichtlich mehrere Tage auf der Biebrza herum zu schippern gedachten. 


Frühstück - ausnahmsweise komplett im Schatten


Eigentlich war der Gedanke, diesen Tag, der noch einmal ein paar Grad heißer werden sollte als der vorige, auf und im Wasser zu verbringen, ja auch deutlich verlockender, als das, was wir planten: Von einem nur eine kurze Fahrt entfernten Parkplatz beim Weiler Kopytkowo wollten wir in den Biebrzanski Park Narodowy wandern. Angeblich sollte es dort einen Zugang zu dem Park geben, der zwar zunächst durch ein Sumpfgebiet führte, doch später in (hoffentlich) schattigen Wald übergehen würde. Und da wir um halb 10 bereits am Startpunkt waren, rechneten wir uns Chancen aus, rechtzeitig im Schatten anzukommen, ehe es so richtig heiß werden würde ... 

Leider stellte sich dieser Weg dann als völlig unbegehbar heraus. Von Anfang an, direkt vom Parkplatz weg war er ziemlich undeutlich und bereits nach gerade mal 200 m standen wir vor einem Sumpf, in den der Weg ganz offensichtlich hineinführte, wo aber keinerlei Befestigungen, geschweige denn so etwas luxuriöses wie ein Bohlenweg existierten. Günter wagte testweise ein paar Schritte in den Morast, begann aber sofort einzusinken. Ohne Gummistiefel wäre hier definitiv kein Durchkommen, mussten wir einsehen, und da wir auch keine Möglichkeit sahen, die sumpfige Stelle zu umgehen, kehrten wir enttäuscht um.

Wieder am Parkplatz versuchten wir uns dann ein Alternativprogramm zurechtzulegen, während im Storchennest gleich daneben großes Gezeter herrschte, weil einer der Elternstörche gerade zum Füttern gekommen war. Störche und Storchennester gab es im Übrigen auch in Polen wieder massenweise und zu dieser Zeit hockten in den meisten Nestern zwei oder drei halbwüchsige Jungstörche und sperrten in der Hitze hechelnd ihre Schnäbel auf. 


Die armen Jungstörche sitzen in der prallen Sonne fest ...


Kurz überlegten wir noch, einem Wanderweg direkt am Fluss zu folgen, was letzten Endes vielleicht nicht die schlechteste Idee gewesen wäre. Doch Günter war nun eh schon frustriert, dass die Wanderung im Elchgebiet ausfiel, obwohl natürlich auch ihm klar war, dass unsere Chancen, in dem riesigen Sumpfgebiet tatsächlich einen Elch zu entdecken, noch dazu tagsüber und bei der derzeitigen Hitze, äußerst gering waren (ich meine: eher 0,0 …). So fuhren wir lieber gleich ganz weiter in Richtung des nächsten Ziels auf unserer Liste: dem Nationalpark an der weißrussischen Grenze, wo es wild lebende Wisente geben sollte (Białowieski Park Narodowy). 

Kurz hielten wir noch an einer Brücke über die Biebrza an, weil dort ein massiver Bohlenweg (!) zu einem massiven, 2024 neu errichteten Aussichtsturm führte. Doch, wie wir schon gleich befürchtet hatten, gab es von dort rein gar nichts zu sehen. – Wie auch? Stand der doch mitten in landwirtschaftlich genutzten Feldern … 


Kraniche auf einer Sumpfwiese bei der Weiterfahrt


Der "tolle" Ausblick über die Felder von der Aussichtsplattform


Unser Weiterweg Richtung Südosten war dann lange so eintönig, dass mir die Augen schon am Vormittag zufielen. Erst als wir nach der Ortschaft Krynki, die nur noch einen Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt war, unversehens von Google auf schmale unbefestigte Straßen gelotst wurden, wurde ich wieder so richtig wach. Dieses Intermezzo, sowie der spätere Abstecher für die Wanderung am Nachmittag, sollte noch recht lästige Folgen haben: in unserem Aufbau, der leider alles andere als staubdicht ist, war anschließend ein Großteil des Inventars komplett mit grauweißem Straßenstaub überzogen … 

12 Uhr war inzwischen schon vorbei und im Städtchen Michałowo bot sich die „Restauracja Gospoda Michałowo“ fürs Mittagessen an. Zweierlei Piroggen (mit Schweinefleisch- und mit Spinatfüllung) bestellten wir, je 7 Stück davon, sowie ein „Salat-Set“ aus Kraut- und Möhrensalat – das erinnerte uns Schwaben doch sehr an unsere geliebten Maultaschen ;) Der Gastraum war hier so gut klimatisiert, dass man beim Rausgehen erst mal ganz kurz die Hitze draußen fast genießen konnte.

Lang hielt dies jedoch nicht an und so fand ich es schon beinahe schade, dass wir bis zum Wanderparkplatz im „Ostoja źubrów Kosy Most“ (= Wisentschutzgebiet Kosy Most, wobei „Most“ (auch) im Polnischen Brücke bedeutet) nur noch knapp 40 Minuten im klimatisierten Auto sitzen durften … Die Wanderung, die angeblich nur 4 km lang sein sollte, stellte sich bald als das so ungefähr Sinnloseste (an diesem an Sinnlosem sowieso schon reichen Tag …) heraus, was wir seit langem unternommen hatten, und trieb uns am Ende beide schier in den Wahnsinn:

Anfangs gings ja noch, solange wir halbwegs trocken und schweißfrei durch den halbwegs angenehm temperierten Wald marschierten. Doch dann kamen ein paar Lichtungen, wir begannen massiv zu schwitzen und spätestens jetzt wurde alles Geschmeiß des Waldes auf uns aufmerksam. Dass der Beobachtungsturm an einer moorigen Lichtung abgesperrt war, wussten wir schon von einem Anschlag am Parkplatz und von ebenerdig sah man hier natürlich wenig bis nichts, keinen Vogel, keinen Elch und schon gar kein Wisent. - Wobei ich nicht wirklich glaube, dass es vom Turm aus besser gewesen wäre. 


Wie Sie sehen, sehen Sie nichts ...


Zwei polnische Jungs packten gerade wieder ihre Räder zusammen, nachdem sie dort wohl ihre Mittagsrast verbracht hatten. Sie waren denn auch die einzigen beiden Menschen, denen wir auf der kompletten Wanderung begegneten. Vom Turm ging es über diverse Bohlenwege, zusammen „Carska Tropina“ genannt, weiter durch den Wald. Dieser Abschnitt hätte vermutlich sehr nett sein können, doch leider waren links und rechts der Bohlen, wo in weniger trockenen Zeiten wohl Wasser steht, jede Menge Brennnesseln gewachsen, in denen es nur so von Fliegen wimmelte. 

Bei einem weiteren ebenerdigen Ausguck auf ein Moor, wo es wieder nichts zu sehen gab, schmierten wir uns endlich und etwas spät mit Antimückenmittel ein, was ja aber erwiesenermaßen gegen die Hirschlausfliegen wenig nützte. So hatten wir auch anschließend viel „Spaß“ mit den Viechern. Und zu allem Überfluss zog sich der Weg fürchterlich in die Länge – von wegen 4 km, letztlich waren es gute 9! Bei der Streckenangabe hatte man nämlich schlicht den langweiligen Rückweg zum Parkplatz entlang eines Radwegs und der Zufahrtsstraße unterschlagen … 


Margeritenwiese - hübsch anzusehen ...


... doch tatsächlich plagten uns hier Unmengen an Fliegen
und anderem Geschmeiß.


Letzteren versuchten wir dann über eine Pfad abzukürzen, der teilweise entlang alter Bahngleise verlief, offiziell gesperrt und entsprechend zugewachsen war. - Kürzer war es schon, aber in puncto Fliegen und Blutsaugern der absolute Gipfel und dann noch gekrönt von hüfthohen Brennnesseln direkt im Weg … So waren wir einfach nur froh, als wir gegen 17 Uhr den sicheren und klimatisierten Hafen unseres Autos wieder erreichten. 

20 Minuten Fahrt brachten uns zum Campingplatz „House of the Stork“ in Białowieźa, wo eine kühle Dusche und das abendliche Vesper auf uns warteten. Leider war es auch abends mit dem Schwitzen erst vorbei, als die Sonne gegen halb 10 endlich verschwand.


Montag, 29. Juni – Białka – Pole namiatowe, kempingowe Białka na Słonecznej



Ein Campingplatz direkt am Badesee (Jezioro Bialskie) mit der entsprechenden Geräuschkulisse und mit Betreibern, die ausschließlich Polnisch sprachen. 

Nachdem ich den vorigen Tag so vollmundig als Tag der Pleiten eingeführt hatte, sollte ich wohl noch ergänzen, dass Günter abends auf dem Campingplatz nach überstandener Wander-(Tor)-Tour feststellte, dass sich der Inhalt einer Wasserflasche während der Fahrt in seinem Rucksack verteilt hatte … Immerhin war die Hitze hier mal sehr hilfreich, so wurde der durchnässte Inhalt im Nu wieder trocken. 

Nachts war auf dem Campingplatz bald Ruhe, nur außerhalb lärmten noch eine Zeitlang ein paar Kids, so dass auch ich nun schon den dritten Abend in Folge meine Ohren verstöpselte. Leider war die Nacht dann auch sehr früh vorbei, weil die Sonne diesmal schon ab 5.30 Uhr in unserem „Zelt“ unerträgliche Hitze erzeugte, so dass wir kurz vor 6 beschlossen, einfach aufzustehen. Bei der an diesem Tag zu erwartenden Hitze sollte dies aber sowieso kein Fehler sein, dachten wir uns und hofften anfangs sogar noch auf halbwegs erträgliche Temperaturen bei unseren morgendlichen Unternehmungen. 

Bei der Abfahrt vom Campingplatz um halb 8 zeigte das Thermometer jedoch bereits 28°C an und kletterte rasch noch weiter Richtung 30°C. Im Wald, wo wir zunächst zwei kurze „Wanderungen“ zu Plätzen machen wollten, an denen man offenbar gelegentlich wilde Wisente antreffen konnte, fühlte es sich dann zwar noch ganz angenehm an, aber leider bekamen wir bald wieder Probleme, v.a. mit den auch hier massenhaft herumschwirrenden Fliegen. 

Der erste, wirklich kurze Rundgang führte zu einer Plattform, bei der die Wisente im Winter gefüttert wurden, jetzt im Sommer gab es dort nur wild wucherndes Grün und der Wasserlauf oder Teich davor wurde gerade vom Drüsigen Springkraut gekapert … Also zurück über den Bohlenweg, an dem alle paar Meter eine Tafel mit Texten zu geschichtlichen Themen stand, augenscheinlich ging es um polnische Adlige aus verschiedenen Jahrhunderten und wie sie sich zu ihrer Zeit jeweils zu Wisent und Wald verhalten haben. 

Auf der dem Parkplatz gegenüberliegenden Straßenseite sollte ein schnurgerader Waldweg laut Günters Infos zu einer Sumpflichtung führen, auf der man auch schon mal Wisente gesichtet haben wollte. Und hier wurde es nun so richtig übel mit den Fliegen: um jeden von uns bildete sich instantan eine Wolke wild summender Viecher, die allesamt versuchten, sich irgendwo auf uns niederzulassen. Mit der Zeit entwickelten wir uns zu richtigen „lebenden Windmühlen“, schlugen ständig mit den Armen um uns, um das Viehzeug wenigstens von Mund, Nase und Augen fernzuhalten. Positiver Nebeneffekt des Gewedels war, dass auch die Mücken und Bremsen wenig Gelegenheit zu Stich oder Biss bekamen. Und wundersamerweise landete hier nicht eine einzige Hirschlausfliege auf uns ...


Ein Spaziergang im "lauschigen" Wald ...


... doch auch hier finden wir keine Spur eines Wisents.


Zwei Kilometer hielten wir so durch, bis der Weg an einer großen – wie derzeit wohl üblich – völlig zugewachsenen Lichtung endete, auf der man – welch Überraschung! – natürlich nichts sah … Zum Verweilen hätte es aber auch nicht eingeladen, wenn denn ein Wisent oder Elch oder was immer mitten auf der Lichtung gestanden hätte (und man es oder ihn dann noch gesehen hätte im hohen Schilf und so). Denn sobald man auch nur ein paar Sekunden stehen blieb und sich wenig oder gar nicht bewegte, verwandelte man sich in einen „Herr (oder eine Frau) der Fliegen“ … 


Ohne ...


... Worte.


Also das Ganze wieder retour, nichts wie rein ins Auto (unter Gewedel, damit möglichst nicht der ganze Fliegenschwarm mitkam) und dann fuhren wir zum „European Bison Show Reserve“, einem Wildgehege und unserer letzten Chance hier ein lebendes Wisent zu Gesicht zu bekommen – leider nur hinter Gittern. Für 20 zł pro Person durfte man dann über das gar nicht mal so große zooähnliche Areal schlendern und kam zunächst an Luchs (1 Exemplar, schlafend), Wolf (2 Exemplare, immer wenn das Motorgeräusch des Futtertreckers zu hören war, kurz aktiv, dann wieder träge herumliegend) und irgendeinem Rotwild vorbei. 

Dann endlich das mit Spannung erwartete Wisentgehege, doch leider hatten die zottigen Tiere bei mittlerweile deutlich über 30°C  kurz nach 9 Uhr morgens (wir waren mit die ersten im Tierpark, der um diese Zeit gerade öffnete) bereits sämtliche Aktivitäten eingestellt, wenn man mal von mit dem Schwanz schlagen und sich im Staub unter einem Baum wälzen absieht … Verdenken konnte man‘s ihnen ja nicht, aber schade war es halt schon. 


Wolf im "European Bison Show Reserve"


Die Wisente liegen bei der Hitze lieber im Schatten.


Zwei Hybride zwischen Wisent und Kuh gab es dann noch zu bestaunen; eine Wildkatze, von der lediglich eine Pfote aus ihrem Rückzugsort zwischen mehreren zusammengewachsenen Baumstämmen herausragte, nicht auffindbare Wildschweine, sowie eine Zwerghirschart und eine spezielle polnische Pferdezüchtung, die dem ausgestorbenen Tarpan (einem osteuropäischen Wildpferd, über das man wenig genaues weiß) ähneln sollte, machten den Rest der „Tiershow“ aus. 

Noch einmal schauten wir bei Luchs (jetzt verschwunden), Wolf (etwas lebhafter) und Wisenten vorbei, wobei letztere sich dann tatsächlich immerhin auch mal aus dem Staub erhoben, jedoch nur kurz, um sich in etwas anderen Positionen wieder niederzulassen. Wisente gab es im Gehege im Übrigen 4 ausgewachsene und 3 Jungtiere, wenn ich recht gesehen habe. Und sie hielten sich gar nicht mal so weit vom Zaun entfernt auf, lagen aber eben im Schatten unter einem großen Baum vor einem Hintergrund aus weiteren, wenig fotogenen Zäunen. 




Das war es dann also für diesmal gewesen mit dem Wisent und wir machten uns auf den Weiterweg nach Süden mit der Erkenntnis, dass Herbst und Winter wohl die besseren Jahreszeiten für die Beobachtung dieser Urviecher in freier Wildbahn (und vermutlich auch im Gehege) wären.

Nach einem kleinen Einkauf irgendwo an einem Ortsrand kehrten wir in Siemiatycze im Restaurant „Lepirożek“ ein. Dieses stellte sich als Teil eines kleinen Ladens heraus, in dem man direkt an der Kasse bestellen musste. Gezahlt wurde auch gleich und dann bekam man eine Nummer und das Essen direkt an den Tisch geliefert. Wir entschieden uns beide für Gerichte aus der Rubrik „Lokale Spezialitäten“: Günter für zwei längliche Kartoffelknödel mit Fleischfüllung und dem in Polen scheinbar üblichen Kraut- und Rübensalat; ich für Pelmeni mit Lammfüllung, Dillbutter und Sauerrahm. Obwohl alles anfangs sehr übersichtlich aussah (die Pelmeni waren zwar 12 Stück, aber eher in der Größe von Tortelloni), wurden wir doch beide gut satt und geschmeckt hats auch. 

Knapp zwei Stunden sollten es anschließend noch bis an unser Tagesziel sein und während dieser Fahrt stieg die Außentemperatur und stieg und stieg immer weiter bis auf 42°C! Bei einer Pinkelpause am Waldrand bekamen wir dann zu spüren, was sengende Hitze wirklich bedeutet. Nicht auszudenken, wenn wir hier keine funktionierende Klimaanlage im Auto gehabt hätten … (Aber Auto und Klimaanlage sind natürlich auch Teil des Problems, schon klar!) 

Im Süden begann es da allmählich schon stark nach Gewitter auszusehen, doch kamen wir lediglich etwa eine halbe Stunde vor dem Ziel durch ein Regengebiet, wo es auch einige Male donnerte. Hier fiel das Thermometer dann sehr rasch auf 25° C, sobald die Sonne aber zurück war, kletterte es postwendend wieder bis 32°C. 

In Białka war bei unserer Ankunft alles trocken und auch später kam kein Regen mehr. Der Himmel blieb allerdings noch für Stunden bedeckt, klarte erst abends wieder weitgehend auf und ein leichtes frisches Lüftchen sorgte für angenehmere Temperaturen. Man merkte auch so langsam, dass wir nun bereits wieder deutlich weiter im Süden waren, denn die Sonne sank hier gegen 20 Uhr schon allmählich dem Horizont zu. 

Der Campingplatz in Białka war riesig und entgegen unseren Befürchtungen angesichts des Betriebs am benachbarten See blieb er sehr spärlich belegt. Außer uns waren lediglich zwei oder drei polnische Familien über das Areal verstreut. WCs und Duschen waren hier in ein kleines Hotel integriert und entweder über die Lobby an der Rezeption oder über den Hintereingang der Duschen erreichbar – ein etwas sonderbares Konstrukt, aber abgesehen davon war die ganze Sanitäranlage brandneu und sehr sauber, was wollte man da meckern?


Viel Ferienbadebetrieb ...


... am Jezioro Bialskie


An einem privaten Fischweiher ganz in der Nähe herrscht
dagegen wohltuende Ruhe und Einsamkeit.


An den beiden vorherigen Tagen hatten wir uns ja immer recht dicht an der weißrussischen Grenze entlangbewegt und in dieser Gegend waren uns vermehrt orthodoxe Kirchen und Wegkreuze aufgefallen, was die Nähe zu einem anderen Land und einer anderen Kultur noch einmal greifbarer machte. Und auch die älteren Häuser sahen dort sehr anders aus als weiter im Norden und Westen, wo quasi gleich wie bei uns zuhause gebaut wurde. Hier dagegen dominierten Holzhäuser, die für unsere Begriffe teils schon fast skandinavisch anmuteten.


Nach Krakau


Dienstag, 30. Juni – Krakau – Aparthotel Plantonia



Leider war die Nacht beim Jezioro Bialskie dann wieder äußerst kurz für uns. Zunächst hatten wir noch gehofft, den Lärm und den (Karaoke?) Gesang von der Amüsiermeile am See aussitzen zu können, doch gegen halb 11 gaben wir’s dann auf, weil schlicht kein Ende absehbar war. So kamen denn wiederum die Ohrstöpsel zum Einsatz und verhalfen auch mir fürs erste zu einigermaßen ruhigem Schlaf.

Um halb fünf wurde ich dann wieder wach und legte mich nach einem Ausflug zum WC, bereits wieder bei hellem Tageslicht, mit unverstöpselten Ohren auf dieselben. Doch die momentane Ruhe hatte getäuscht: wenig später dröhnten erneut harte Partybeats von irgendwo her und "unterhielten" uns, bis es gegen 6 dann wieder unerträglich heiß in unserer Schlafkabine wurde. 

So entstiegen wir dieser auch an diesem Morgen eher unausgeschlafen und starteten ungewollt früh in den Tag. Gegen 8 waren wir bereits wieder unterwegs und rollten in etwa einer halben Stunde zu einem Parkplatz am „Poleski Park Narodowy“ (Nationalpark Polesie), von dem aus man über Wald- und Bohlenwege, vorbei an der alten „Dominik-Eiche“ (Dąb Dominik) zum Moorsee „Jezioro Moszne“ gelangen konnte. 

Doch auch in diesem Wald herrschte eine Hirschlausfliegenplage und am See, dessen Wasserstand extrem niedrig war, gab es enttäuschend wenig zu sehen: lediglich ein paar Libellen, ein in der Ferne landendes Kranichpaar und ein paar Orchideen am Wegesrand. Immerhin gab es einige recht informative Tafeln, die auf Polnisch und Englisch über Flora und Fauna und einige Besonderheiten im Hochmoor (z.B. Krüppelkiefern, die trotz ihrer bescheidenen Größe bis zu 50 Jahre alt sein konnten) aufklärten. 


Bohlenweg zum Jezioro Moszne bei Jamniki


Zwei junge Bachstelzen auf dem Geländer


Knabenkräuter in der Sumpflandschaft


Zwei Kraniche fliegen vorüber.


Sumpfporst im Kiefernwald


Und über die Bohlen wieder zurück


Nach dem gerade mal gut 4 km kurzen Rundgang hatten wir dann doch genug gesehen, insbesondere auch von den lästigen Seiten der Natur, und beschlossen, uns von hier direkt auf die lange Fahrt nach Krakau zu machen. Als ersten Schritt galt es aber mal wieder den „Max“ mit Diesel zu füttern, was bei einer Tankstelle irgendwo im Hinterland von Lublin diesmal 6,19 zł/l kostete. 

Die nächste Überlegung galt dem Mittagessen, und da es inzwischen drückend schwüle 29°C hatte, hielt sich unsere Lust, in noch einem Naturpark zu noch einem See zu laufen und dort in der Schwüle unser Vesper gegen die Fliegen zu verteidigen, in argen Grenzen. So suchten wir nach einem Restaurant am Weg und wurden schließlich in Janów Lubelski fündig, wo die Restauracja „Lemon“ bei Google hoch gepriesen wurde. 

Fast hätte uns das eher schäbige Äußere des Restaurants noch abgeschreckt, doch drinnen sah es dann zum Glück recht ansprechenden aus. Kurzentschlossen bestellten wir von der Tageskarte ein Nudelgericht und den Burger mit Pulled Pork, wobei letzteres noch immer keine Begeisterungsstürme bei mir entfachte. Ansonsten schmeckten Burger und Pommes aber sehr gut, die Tortelloni mit Brokkoli, Kirschtomaten, Hühnerfleischstückchen, Sahnesauce und Grana Padano waren extrem gehaltvoll und nach etwas nachwürzen ebenfalls sehr ok. So konnten es, da auch der Service in der nicht gerade überfüllten Wirtschaft sehr flott war, schon bald weitergehen. 

Während wir zuvor mühsam über Landstraßen gekurvt waren, konnten wir nun die restlichen Kilometer relativ zügig auf Schnellstraßen und Autobahnen zurücklegen. Ein Teil der Autobahn war allerdings erst noch im Bau und der Rest wirkte ebenfalls brandneu. Und daneben war eine Landschaft aus Baggerseen im Entstehen, die mich sehr an die Badeseen zuhause erinnerte. Heiß wurde es im Lauf des Tages auch wieder, zwischenzeitlich stieg das Thermometer bis auf 38°C und bei Ankunft in Krakau waren es noch immer stolze 35°C. 

Die Anfahrt zum Hotel führte über viele Ampelkreuzungen mit entsprechend vielen Stopps und Bauarbeiten an der einen oder anderen Stelle bremsten uns zusätzlich aus. Doch ansonsten klappte es wie am Schnürchen, verfuhren wir uns nicht ein einziges Mal und lediglich das vorläufige Parken für den Check-In war etwas trickreich, da es direkt vor dem Hotel keinen Platz dafür gab. In einer Gasse in der Nähe quetschte Günter den „Max“ dann dicht an eine Hauswand und das Einchecken war zum Glück zügig erledigt, so dass wir unser Gefährt schon bald (vorsichtig, weil knapp am Höhenlimit) in einer 200 m entfernten Tiefgarage „versenken“ konnten.

Das Apartment stellte sich als eine richtige kleine Wohnung, mit Küche, WC, Essbereich und Wohnbereich auf der Eingangsebene und darüber einer Galerie mit Schlafbereich und Badezimmer, heraus. Schnell war unser Gerümpel verstaut und die sehr nötige Klimaanlage angeworfen. Denn durch die insgesamt fünf Dachfenster kam hier viel Licht, aber leider gerade auch viel Wärme herein, so dass wir wirklich froh waren, die stickigen 30°C, die bei unserer Ankunft herrschten, allmählich auf angenehmere 22°C herunterkühlen zu können. - Hat schon was so eine Klimaanlage und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie heiß es in unserer Wohnung zuhause gerade war … 

Duschen, Ruhen, Frühstück für den folgenden Morgen aussuchen und dann machten wir uns zu einem Spaziergang entlang der Weichsel auf, die von unserer Unterkunft nur eine Straße und eine Häuserzeile entfernt war. Bis unterhalb der Burg und noch ein Stück weiter spazierten wir, bewunderten den feuerspeienden Wawel-Drachen, die Ausflugsschiffe und den Blick zur Altstadt.
 

Die Weichsel in Krakau


Paulinerbasilika, auch Michael- und Stanislausbasilika genannt


Da die zunächst von uns anvisierte Brücke noch Baustelle und nicht begehbar war, machten wir kurz davor kehrt, gingen am Hochufer zur „Most Grunwaldski“ zurück und querten hier ans andere Weichselufer. Etwas später kehrten wir über die „Most Dębnicki“, die wir bei unserer Ankunft in der Stadt bereits mit dem Auto überquert hatten , wieder ans linke Ufer zurück. Gerade als wir von dort noch einmal die Burg auf dem Wawel-Hügel (unter dem die „Drachenhöhle“ liegt) bewunderten, kam die Sonne kurz vor dem Untergehen noch heraus und vergoldete die letzten Eindrücke und Fotos des Tages. 


Blick vom anderen Weichselufer auf die Paulinerbasilika


Der Wawel-Hügel in der Abendsonne


Zurück im Hotel gabs Vesper und danach Wein, Fotos, Pläne für den folgenden und Geschichten vom zurückliegenden Tag.