Text: Eva Irmler
Fotos: Günter Schmidt
Abschied von der Côte d'Azur
Mittwoch, 1.10. – Camping Ladouceur, Ramatuelle
Die erste Nacht bei Ramatuelle war angenehm ruhig und mild und auch die Mücken, die abends zunächst ziemlich aufdringlich geworden waren, hatten uns halbwegs in Ruhe gelassen. Anscheinend hatte es geholfen, dass wir uns stets bemühten, die Einstiegsklappe nicht zu lang offen zu lassen und dann möglichst ganz zu schließen. Dabei entstand allerdings schon seit geraumer Zeit ein hässliches, halb quietschendes, halb knirschendes Geräusch, das uns schon selbst in den Ohren wehtat. – Wie mochte es da erst unseren Mitcampern gehen?
Günter versuchte daher nach unserer Rückkehr an diesem Abend, das Problem zu beheben, doch zunächst wurde es durch seine Bemühungen eher schlimmer bzw. ließ sich die Klappe an einem Punkt gar nicht mehr schließen … So fuhr er schließlich die harten Geschütze auf und vergrößerte mit dem Akkubohrer die Löcher für die Befestigungsschrauben. Die Hoffnung war, dass dadurch ein gewisser Spielraum entstehen würde, um die Klappe so auszurichten, dass nichts mehr schleifen und quietschen konnte.
Doch zurück zum Morgen, an dem zwar entgegen allen Befürchtungen – der Wetterbericht hatte bereits für diesen Tag nicht mehr so überzeugend ausgesehen, vom folgenden ganz zu schweigen – wieder die Sonne schien, es bei uns jedoch lange schattig blieb, kühl und vor allem feucht! Alles, was über Nacht draußen gehangen hatte, war vom Tau eher nasser geworden, insbesondere die Badeklamotten trieften wieder richtig … Meine Lust, schon wieder an irgendeinen Strand zu wandern, hielt sich am dritten Tag in Folge denn auch zunächst in argen Grenzen. Doch der Gedanke, dass dies für diesmal die letzte Möglichkeit wäre, um noch einmal ins Meer zu springen, gab schließlich den Ausschlag. So packten wir die nassen Badesachen und das Vesperzubehör in die Rucksäcke und marschierten los.
Zunächst ging es fast einen Kilometer an der leider gar nicht mal so schwach befahrenen Straße (Route de l’Escalet) entlang in die „falsche“ Richtung (also Richtung Ramatuelle), ehe wir in den ruhigeren Chemin de la Bastide Blanche abbiegen konnten, der zwar anfangs noch asphaltiert war, auf dem uns aber lediglich ein einziges Auto begegnete. Bergauf ging es hier allerdings gar nicht zu knapp, bis wir bei einem Weingut an eine erste Hügelkuppe gelangten. Wenig später gabelte sich der Weg und wir wechselten, den roten Wanderwegmarkierungen und der Beschilderung zum Cap Taillat folgend, auf den Chemin de la Douane. Erst verlief dieser noch in schattigem Pinienwald, später leider nur noch durch niedriges Buschland, offensichtlich die Folge eines einige Jahre zurückliegenden Waldbrands.
| Buschland und Feigenkakteen auf dem Weg zum Cap Taillat |
Noch ein paarmal ging es bergauf und bergab, dann kam endlich unser Ziel in Sicht, die Halbinsel Cap Taillat und der schmale Streifen Strand, der diese mit dem Festland verbindet. Kurz bevor wir diesen Isthmus erreichten, kamen von links jede Menge Leute herab, die vermutlich auf einem der Parkplätze bei L’Escalet geparkt hatten und nun ebenfalls den Stränden zustrebten.
Bevor wir uns jedoch diesen zuwenden wollten, gingen wir noch zum eigentlichen Kap weiter, auf dem ein kurzer Wanderweg bis zu einem Aussichtspunkt hinaufführte. Hier rasteten wir auf den Felsen und Günter versuchte Küste und Boote ins rechte Licht zu setzen. Tatsächlich mal wieder gar nicht so einfach, da einige, wiewohl lockere Wolkenbänder scheinbar stets im falschen Moment an den falschen Stellen Schatten warfen …
| Plage de la Douane und schon einmal ein Ausblick auf die beiden Hügel, über die unser Rückweg führen wird. |
Anschließend kehrten wir zum einsamen Teil der „Plage Ranc“ zurück, auf der vom Kap aus linken Seite der Landenge direkt am Fuß desselben. Außer uns ließen sich hier lediglich zwei Französinnen nieder, um zu reden und den Ausblick zu genießen. Vermutlich war der Strandbereich näher am Festland einfach noch etwas geschützter, leichter zugänglich sowieso und zudem an diesem Tag nicht so überfüllt, dass mehr Leute es für notwendig erachteten an den hinteren Teil des Strands auszuweichen. Uns sollte es recht sein, so konnten wir hier in aller Ruhe in der Sonne neben einer der mittlerweile häufigen, aus Treibholz gebauten „Robinson-Hütten“ vespern.
Dabei wurde es mit der Zeit so heiß, dass ich diesmal gerne als erste ins (laut Internet 22,3°C) kühle Nass stieg. Relativ flach über mehr oder weniger feinen Kies ging es hinein und bis zu ein paar Felsen blieb die Wassertiefe so gering, dass ich mehrmals in Gefahr war, auf Grund zu laufen. Doch dann hatte ich einen Durchschlupf gefunden und konnte ein paar Züge in tieferem Wasser schwimmen und tauchen, ehe ich wieder ans Ufer zurückpaddelte.
| Geißbrassen |
| Meerbarbe |
Nachdem auch Günter vom Schnorcheln zurück war, dauerte es nicht lange bis die Sonne mir so auf den Pelz brannte, dass ich Lust bekam, noch ein allerletztes Mal ins Wasser zu springen. Doch kaum war ich außerhalb der Felsen im Tiefen, schob sich eine diesmal sehr hartnäckige Wolke vor die Sonne und trieb mich alsbald wieder ans Ufer. Günter wartete für seine letzte Schnorchelrunde dann ab, bis die Sonne wieder zum Vorschein kam, und da uns diese nun fürs erste erhalten blieb, wäre ich, als wir schließlich zusammengepackt hatten und wieder angezogen waren, eigentlich schon wieder reif für eine Abkühlung gewesen …
Immerhin kam um diese Zeit gerade Wind auf, vielleicht ein Vorbote der angekündigten Wetterverschlechterung? Doch viel änderte sich auf unserem Rückweg dann noch nicht, Sonne und Wolken wechselten sich nach wie vor ab, so dass unsere Routenvariante teils recht schweißtreibend ausfiel. Diese führte vorbei am „Dolmen de La Briande“, zwei eher unspektakulären Felsen im Buschland, erst auf eine Anhöhe und danach weiter auf einen etwas höheren Hügel oberhalb von L’Escalet mit vielen Mobilfunkmasten (oder was auch immer). Schlimmer als die „Hitze“ fand ich aber, dass ab dem Vorgipfel wieder einmal Stachelbüsche lästig weit in den Pfad hineinwucherten. Besonders übel tat sich dabei eine leider recht häufige Art hervor, die ausschließlich aus Stacheln bestand und keinerlei normales Blattwerk zu besitzen schien.
| Mantis religiosa an einem Zweig am Wegesrand |
| L'Escalet und Cap Camarat |
| Blick zurück zum Cap Taillat |
| Viel Los im Golf von Saint Tropez |
Ab dem „Gipfel“, von wo es noch einmal schöne Ausblicke aufs Meer mit unzähligen Segelbooten und das Cap Taillat, sowie L’Escalet mit seinen Stränden gab, folgten wir dann einem Fahrweg, der bald in eine luxuriöse Wohnsiedlung führte. Schließlich trafen wir auf einen Weg, den wir schon morgens vom Chemin de la Bastide Blanche kommend gequert hatten. Diesen überquerten wir nun an einer anderen Stelle, um einem Trampelpfad durch lichten Wald bergab zu folgen. Wider Erwarten schien dieser regelmäßig in Benutzung zu sein und brachte uns tatsächlich auf kürzestem Weg an den Eingang des Camping Ladouceur zurück. – Hätten wir das mal am Morgen schon gewusst, dann hätten wir uns einiges an Weg (und Nerven) sparen können …
Bei unserer Rückkehr zum Campingplatz schien noch immer die Sonne, so wurden die Badesachen und Handtücher noch einmal hoffnungsvoll zum Trocknen aufgehängt. Nach dem Duschen und der bis dato tatsächlich erfolgreichen Bastelaktion an unserer Einstiegsklappe, gings der Einfachheit halber wieder ins „Restaurant“ auf dem Platz, wo wir diesmal die einzigen Gäste waren, die vor Ort speisten. Pizza Chorizo und Rind mit Pommes und Salat waren im Rahmen unserer Erwartungen wieder völlig ok, zumal alles zusammen mit den Getränken lediglich um die 40 € kostete.
Am späteren Abend tröpfelte es diesmal ab und an, was uns schließlich dazu nötigte, Handtücher und Badesachen doch wieder noch feucht ins Trockene zu bringen.
Donnerstag, 2.10. – Camping des Gorges du Loup, Le Bar-sur-Loup
Nach einer weiteren recht ruhigen Nacht, in der es lediglich anfangs ein paarmal nieselte, war morgens bereits alles wieder nahezu trocken und allen Schlechtwettervorhersagen zum Trotz zeigten sich zwischen den Wolken bald die ersten blauen Lücken. – Von wegen Regentag!
Für uns stand nun allerdings unwiderruflich der Abschied von der Côte d’Azur an, so packten wir im Lauf des Vormittags unsere Siebensachen und machten den „Max“ abfahrbereit. Kurz nach elf konnte es dann losgehen, zunächst jedoch nur bis zum großen „Auchan Hypermarché Gassin“ bei Port Cogolin, da wir vor der Fahrt ins Hinterland und später in die Berge noch etwas größer einkaufen wollten.
Für die gerade mal 11 km bis dorthin veranschlagte Google 20 Minuten, da auf der D 98 A von St-Tropez her (wie immer?) Stau herrschte. Zwar bogen wir erst kurz vor dem Ziel dort ein, aber eine gewisse Verzögerung ergab sich eben doch. Letztlich spielte dies aber vermutlich keine große Rolle, da wir in dem riesigen Laden erst recht sinnlos viel Zeit verplemperten, um alles zu finden, was wir benötigten. So suchte ich in mindestens drei Regalreihen vergeblich nach einer „normalen“ Müslimischung aus Getreideflocken und Trockenfrüchten und ohne Zuckerzusatz, ehe ich bei den Bioprodukten fündig wurde. Wein gabs zwar in rauen Mengen, aber an verschiedenen Stellen verteilt, und vor den Touri-Mitbringsel-Regalen direkt am Eingang verbrachten wir ebenfalls einige Zeit.
Schließlich war aber alles besorgt und bezahlt, hatten wir beide noch dem WC einen Besuch abgestattet und die Einkäufe im Auto verstaut. So konnte es schnurstracks zum nächsten Punkt auf unserer ausnahmsweise mal eher kurzen Liste gehen: dem Mittagessen!
In Le Plan-de-la-Tour wusste Google Maps zwar nichts von einem Parkplatz, doch direkt am Ortseingang entdeckten wir einen recht großen und noch dazu kostenlosen. Und obwohl an dessen Rand gerade ein Markt stattfand, hatten wir das Glück, auf Anhieb eine Lücke aufzuspüren. Ein paar Schritte die verkehrsberuhigte Hauptstraße entlang kehrten wir dann im Restaurant „La Tour du Plan“ ein, das auf den ersten Blick sehr einladend aussah, überraschenderweise aber gähnend leer war. Kurz nach eins war es mittlerweile und um 14 Uhr wollte man hier den Mittagsbetrieb bereits wieder einstellen, so war auch nicht damit zu rechnen, dass der Hauptschwung an Gästen noch eintreffen würde. Es kamen denn auch lediglich noch ein weiteres Paar und eine einzelne Frau. Schon etwas seltsam, dabei brummte, wie wir bei einer kurzen Runde durchs Dorf nach dem Essen feststellten, in den Cafés und Restaurants in einer Parallelstraße, die allerdings komplett für den Autoverkehr gesperrt war, durchaus das Geschäft.
![]() |
| Le Plan-de-la-Tour |
Das Essen (zweimal Mittagsmenü) fanden wir dann ganz prima und für rund 24 € pro Person (mit Getränken zusammen um die 60 €) auch sehr fair bepreist. Vielleicht hatte das Restaurant ja einfach das Pech, an der falschen Straße zu liegen.
Weiter gings auf sehr kurviger Route und fast ausschließlich kleinen und kleinsten Sträßchen über Le Muy, Bagnols-en-Forêt, Montauroux, Fayence und schließlich Grasse nach Le Bar-sur-Loup. Unterwegs streiften wir das Esterel-Gebirge mit seinen typischen, auffallend roten Felsen aus vulkanitischem Gestein (hauptsächlich Rhyolith), in dem wir auf früheren Reisen schon einige Wanderungen und Mountainbiketouren gemacht hatten.
| Herbstblaustern am Wegesrand |
| Bagnols-en-Forêt |
Le Bar-sur-Loup liegt am „Parc naturel régional des Préalpes d’Azur“, folglich befanden wir uns hier bereits in den südfranzösischen Voralpen, obwohl die Küste Luftlinie noch nicht sonderlich weit entfernt war. Die Zufahrt zum von uns auserwählten Campingplatz, der ein ganzes Stück unterhalb der Ortschaft Richtung Gorges du Loup lag, erwies sich dann als recht interessant: An zwei Stellen ging es so steil um die Kurve, dass alle, auch die Lenker*innen normaler PKWs, mindestens einmal rangieren mussten. Und dass wir hier nicht mehr direkt auf Meeresniveau, sondern bereits wieder deutlich höher campierten (auf mindestens 100 m, das Ortsgebiet erstreckt sich mit allen Hügeln sogar bis auf 1312m …), merkte man sehr deutlich. Abends kurz vor sechs war es schon so kühl geworden, dass wir überlegten, uns zum Essen in den Aufbau zurückziehen und womöglich sogar einzuheizen …
![]() |
| Draußensitzen geht gerade noch so, aber es ist auch hier eindeutig Herbst. |
Freitag, 3.10. – Camping Municipal de Valdeblore, Saint-Dalmas/Valdeblore
So fürchterlich kalt wurde es in Le Bar-sur-Loup dann zum Glück doch nicht. Jedenfalls genügte es uns, windgeschützt im Aufbau zu vespern, Heizung wäre übertrieben gewesen. Da war der folgende Abend schon eine ganz andere Nummer: In Saint-Dalmas/Valdeblore befanden wir uns auf ungefähr 1300m Höhe und draußen war es – zumindest gefühlt – empfindlich kalt. 7°C sagte Wetteronline, im Auto zeigte das (Außen-)Thermometer sogar noch 12°C an, aber das ging sicher teilweise auf das Konto von tagsüber in der Karosserie gespeicherter Wärme.
Der Freitagmorgen begann bedeckt und die Berge oberhalb der Gorges du Loup trugen dicke Wolkenhauben. Da konnten wir nur hoffen, dass sich diese im Lauf des Tages noch etwas verziehen würden. Schließlich wollten wir einen dieser Berge, den Pic des Courmettes (1248m), besteigen und hofften auf gute Aussicht.
Weil wir uns nicht restlos sicher waren, dass der Campingplatz in Saint-Dalmas geöffnet sein würde - zwar hatten wir irgendwo „ouvert toute l’année“ gelesen, doch mittlerweile wohl schon zu oft trotz solcher Aussagen vor verschlossenen Toren gestanden - und alternativ eine „wilde“ Übernachtung angedacht war, beschloss ich, morgens noch prophylaktisch zu duschen. Nach dem Frühstück musste dann gleich wieder vollständig zusammengepackt werden, denn nach dem Wandern stand ja bereits der nächste Ortswechsel an.
Zum Ausgangspunkt der geplanten Wanderung, der winzigen Ortschaft Courmes, die hoch über den Gorges du Loup, auf 630 m, an den Hängen des Puy de Tourrettes und Pic des Courmettes liegt, ging es zunächst in die Schlucht hinab und über den Fluss. Drei Kilometer waren es anschließend noch bis zum Dorf hinauf, doch diese erwiesen sich als derart schmal und kurvig, dass jedes entgegenkommende Fahrzeug erst mal einen kurzen Schreckmoment verursachte. Irgendwie schafften alle Beteiligten es aber doch jedes Mal, aneinander vorbei zu kommen, notfalls indem einer der beiden Fahrer bis zu einer breiteren Stelle zurückstieß.
Auf dem großen Parkplatz am Ortseingang von Courmes war bei unserer Ankunft noch massig Platz, so stellten wir den „Max“ schnell ab, schnürten unsere Wanderschuhe und starteten Richtung Pic des Courmettes. Ein wenig irritierte uns zunächst, dass hier immer nur eine „Domaine des Courmettes“ ausgeschildert war. Die Markierungen und Günters GPS-Track stimmten aber überein, so stiegen wir dennoch bald unbesorgt im Wald bergan, anfangs oft über Stufen, später auf Schotter und über Felsen. Auffällig war, dass es hier überall Steinmauern und terrassenartige ebene Flächen gab, die mittlerweile zwar meist vom Wald zurückerobert waren, früher aber vermutlich landwirtschaftlich genutzt wurden. Der Begriff „Domaine“ [*] und ein Hinweisschild für einen Weg „par les vignes“ ließen vermuten, dass es sich um ehemalige Weinberge handelte.
[*Aus dem Internet erfuhren wir später allerdings, dass zumindest die Domaine des Courmettes wohl noch nie etwas mit Weinbau zu tun hatte. Es handelt sich um ein Gehöft, das im Lauf seiner langen Geschichte bereits die verschiedensten Zwecke erfüllte: vom hochherrschaftlichen Landsitz bis zum Sanatorium, Kindererholungsheim und Pfadfinder-Freizeitheim. Auch heute fungiert es wieder als eine Art Freizeiteinrichtung mit religiös-ökologischer Ausrichtung, kann aber auch für Hochzeiten und andere Events gebucht werden.]
| Aufstieg zum Pic des Courmettes |
Nach einer Weile erreichten wir das Plateau, auf dem sich die „Domaine“ befinden sollte. Entsprechende Gebäude entdeckten wir zunächst jedoch nicht (kurz vor dem Gipfel kamen sie dann doch noch in unser Blickfeld), lediglich ein stattlicher Betonquader, dessen Zweck sich uns nicht erschloss, stand an der Abzweigung zum „Pic des Courmettes“, der hier zum ersten und einzigen Mal ausgeschildert war. Steil ging es ab hier nun bergan und immer felsiger wurde der Pfad. Schließlich hörte der Wald ganz auf und wir kamen in eine heideartige Landschaft, die uns bis zum weiten Gipfelplateau erhalten blieb.
| Oberhalb der Waldgrenze eröffnen sich erste Ausblicke auf die Hügellandschaft jenseits der Gorges du Loup. |
Am Gipfel selbst war das Gras zwischen den Felsen großflächig umgegraben oder zerwühlt, vermutlich von Wildschweinen, die dort wohl so zahlreich sind, dass sie im Herbst bejagt werden. Doch auch Schafe hatten hier offenkundig vor kurzem noch geweidet und ihre übelriechenden Spuren hinterlassen …
Windig, kühl und leider auch sehr wolkenverhangen begrüßte uns der Pic. Ein etwas geschützter, halbwegs unbefleckter Felsen für die Mittagsrast fand sich dann aber doch. Die Wolken wurden vom Wind hierhin und dorthin geblasen, so gab es immerhin gelegentlich etwas Ausblick, mal eher Richtung Küste, auf Nizza, Cannes, Antibes und hinaus auf das Meer, mal Richtung Gorges du Loup, Grasse und verschiedene Dörfer im Hinterland.
Während wir noch in Pulli, Softshell, Kapuze gehüllt ausharrten und trotzdem allmählich fröstelten, kam eine junge Frau angejoggt, in Shorts, T-Shirt und nicht viel mehr. Sie hielt sich dann aber auch nicht lange auf, schaute nur kurz auf dem Handy, wo es für sie weiterging, und schon rannte sie über Stock und Stein davon …
Auch wir brachen wenig später wieder auf und zwar in Richtung Puy de Tourrettes, den nur eine moderate Senke von unserem Pic trennt. Etwa 150 m ging es wohl hinab und wenig mehr wieder hinauf, da der Puy lediglich 20 Meter mehr misst als der Pic. Unterwegs begegneten uns hier zwei andere Paare, die die Runde offenbar in umgekehrter Richtung in Angriff genommen hatten.
Auf dem Puy angekommen hatten wir zwar nach wie vor keine perfekte Sicht, aber zeitweise war immerhin der Pic des Courmettes wolkenfrei. Zudem hörten wir hier – wie auf dieser Herbstreise nun schon öfter – eigentümliche, dumpfe Töne, die wir als das Röhren eines Hirschs interpretierten. Beim Abstieg auf der Rückseite des Puy – wie schon seit dem Gipfel des Pic ohne Markierung, aber auf deutlichem Pfad, der teils mit Steinmännern versehen war – begegneten wir einer Schaf- und Ziegenherde mit zwei friedlichen Hütehunden und dem Schäfer. Ein weiteres Wandererpaar, das gerade am Wegesrand rastete, fragte uns radebrechend auf Englisch, ob wir einen Hirsch gesehen hätten, da sie das Röhren offenbar ebenfalls vernommen hatten. Beim weiteren Abstieg meinten wir ihn noch einmal zu hören, doch zeigte er sich uns leider nicht.
| Da macht man nur kurz Quatsch und schon wirkt's als wollte man für bessere Sicht beten ... ;) |
| Hat aber nicht geholfen, der Pic des Courmettes verhüllt sich wieder. |
| Nebel auf dem Puy de Tourrettes |
| Wohlgehütete Schafe |
| Courmes und die Gorges du Loup |
Schließlich mündete unser Rückweg wieder in den Aufstiegsweg und wenig später erreichten wir Courmes und den Parkplatz.
Es folgte eine überraschend lange und nervenaufreibende Fahrt über schmale und schmalste Straßen durch die provenzalischen Voralpen und zuletzt hinab ins tief eingeschnittene Var-Tal, das wir im unmittelbaren Hinterland Nizzas querten, nur um dann die nicht weniger mühsame und zeitraubende Auffahrt nach Valdeblore zu beginnen.
Immerhin hatte der dortige „Camping Municipal“ dann tatsächlich geöffnet und gab es noch ein Plätzchen für uns, obwohl wir erst nach 18 Uhr und Büroschluss eintrafen. Zwar war der Platz überwiegend mit „Hütten“ (Wohncontainern und stillgelegten Wohnwagen) vollgestellt und uns wurde quasi der Vorgarten einer solchen als Stellplatz zugewiesen, aber gut, was wollten wir meckern, wenn die Alternative wild campen in „eisigen Höhen“ (O-Ton Günter 😉) gewesen wäre …
In der Bar „La Balma“ in Saint-Dalmas gabs zudem sehr gute Pizza und noch einen Eisbecher mit Maronencreme zum Nachtisch, so war auch das Essensproblem zur völligen Zufriedenheit gelöst.
Und die Wohncontainer-Nachbarn, die uns zwischenzeitlich mit lautstarkem Palaver beschallt hatten, schienen diesen rechtzeitig beendet zu haben, so dass wir auf eine ruhige Nacht hoffen zu können glaubten ...
Mercantour
Samstag, 4.10. – Saint Dalmas – Camping Municipal
Tja, dies stellte sich dann bereits wenig später als komplette Fehleinschätzung heraus, denn kaum lagen wir in den Schlafsäcken ging der Radau nebenan wieder los … Offenbar kamen die Nachbarn alle naslang zum Rauchen raus und wollten dabei natürlich nicht die Stille der Nacht genießen. Kurzum, wir hörten uns das eine Weile an und kamen zu dem Schluss, dass so schnell nicht mit einer Besserung der Situation zu rechnen war. So machte Günter sich schließlich auf die Suche nach einem ruhigeren Alternativstellplatz und wenig später schaukelten wir mit aufgeklapptem Dach – ich auf der Liegefläche liegend, ein sehr spezielles Erlebnis 😊 – die paar Meter bis dorthin. Leider funktionierte der Stromkasten an diesem Platz nicht, so dass wir erst mal ohne den Heizlüfter auskommen mussten, den wir angesichts der nächtlichen Kälte zuvor noch gerne genutzt hatten.
Abgesehen davon wurde die erste Nacht in Saint-Dalmas am Ende längst nicht so eisig wie befürchtet, da der Himmel bis in die frühen Morgenstunden bedeckt blieb. Feucht war es dagegen schon und so waren wir ganz froh, dass wir bei Tageslicht einen anderen Stromkasten ausfindig machen konnten, bis zu dem unser langes Kabel gerade noch so reichte, und wir uns beim Frühstück wieder ordentlich einheizen konnten.
Im Übrigen schien es dem Campingplatz-Manager (Betreiber trifft es hier eher nicht, das ist wohl die Gemeinde) herzlich egal zu sein, wo wir standen. Als Günter nachmittags gegen 16 Uhr, als sein Büro eigentlich öffnen sollte, dort vorbeiging, um zu bezahlen, unseren Umzug auf einen anderen Platz (an diesem Abend wieder ein anderer, da der von der vorigen Nacht bereits belegt war) zu erklären und Bescheid zu geben, dass wir nun doch drei Nächte statt nur zwei bleiben wollten, war er wieder mal nicht da. Auf Klingeln reagierte er auch nicht, und als Günter dann bei der Nummer anrief, die an der Rezeption angeschlagen war, hieß es, er sei gerade noch beim Radeln, komme erst so gegen 19 Uhr wieder und alles andere, was Günter erzählte, interessierte ihn offenbar nicht die Bohne … Als endgültige Bestätigung dieses Eindrucks rauschte er später freundlich grüßend, aber ohne anzuhalten, mit dem Auto an uns auf unserem neuen Stellplatz vorbei.
Am Vorabend hatten wir dazu tendiert, an diesem Tag bereits die längere der beiden Wanderungen, die Günter für diese Gegend geplant hatte, anzugehen, also auf die 2772 m hohe Cima di Mercantour (oder Cime du Mercantour) zu steigen. Bis zum Morgen hatten sich die Wetterprognosen aber mal wieder gedreht und nun sollten uns erst anderntags 10 Sonnenstunden vergönnt sein, an diesem jedoch deutlich weniger – was letztlich wohl auch so eintraf.
Also disponierten wir auf die kürzere Runde zum Mont Pépoiri um, für die wir praktischerweise ein Sträßchen nehmen konnten, das direkt von Saint-Dalmas bis zu einem Parkplatz (Parking Millefonts) auf 2033m hochführte. Zwar kam bereits ziemlich am Anfang ein Verbotsschild mit dem Zusatz „Route dangereuse“, aber da wir annahmen, dass es nicht so viele Wanderrouten gäbe, die von diesem Parkplatz starteten, wenn hier die Durchfahrt strikt verboten wäre, ignorierten wir es. Klar, das Sträßchen war schmal und nicht im allerbesten Zustand, aber ähnliche Bergstraßen, die offiziell für den Verkehr geöffnet waren, hatten wir in Frankreich (und anderswo) schon so oft angetroffen, dass es sich vermutlich eher um eine Rückversicherung der Gemeinde handelte, damit sie im Ernstfall nicht haftete. Unterwegs passierten wir zudem ein Schild, das vor der Jagd warnte, die wir morgens schon vom Tal aus gehört hatten (Hundegebell, vereinzelte Schüsse). Ob es da wohl einem der Hirsche an den Kragen gehen sollte, die in der Nacht zu vernehmen gewesen waren?
Am Parkplatz angekommen stellten wir dann fest, dass wir beileibe nicht die einzigen waren, die diesen an diesem Morgen angesteuert hatten. Auch ein Campingbus stand dort, dessen Bewohner hier offensichtlich genächtigt hatten, andernfalls hätten sie sich sicher nicht die Mühe gemacht, auf Keile zu fahren.
| Erster Ausblick kurz nach dem Start vom "Parking Millefonts" |
Die Wanderschuhe geschnürt, den Rucksack geschultert und schon konnte es auf gut markiertem Weg Richtung Col de Veillos gehen. An diesem ersten kleinen Pass musste man sich entscheiden, ob es erst zum „Lac Petit“, dem untersten und seltsamerweise größten einer Reihe von Seen, gehen sollte, oder gleich nach rechts und tendenziell zu den oberen Seen (Lac Rond, Lac Long, Lac Gros) und dem nächsten Pass, Col du Barn. Wir entschieden uns für letzteres und waren dann etwas enttäuscht: Der Lac Rond war nahezu ausgetrocknet (und die verbliebene Pfütze mehr dreieckig als rund), auch dem Lac Gros fehlte es sichtlich an Wasser, nur der Lac Long lag sehr idyllisch und randvoll in einer kleinen Sumpfebene mit Wollgras. Für die perfekten Fotos fehlte es allerdings hier just wieder einmal an der Sonne …
Während wir noch den See und die Aussicht über die provenzalischen Voralpen bewunderten, über denen ein leichter Dunstschleier lag, überholte uns eine Gruppe junger Trailrunner, der wir später noch ein paar Mal begegnen sollten. Der Weiterweg führte dann oberhalb des Lac Gros entlang zum Col du Barn, wo die Trailrunner jenseits des Passes im Windschatten pausierten. Inzwischen pfiff nämlich an ausgesetzten Stellen bereits ein empfindlich kühler Wind, der beim nun folgenden Aufstieg zum Mont Pépoiri immer heftiger und stürmisch-böig wurde. Insbesondere an ein paar kurzen Passagen direkt am Grat kurz vor dem Gipfel musste man sich schon richtig nach rechts in den Wind legen, um nicht nach links den Berg hinab getrieben zu werden. Dabei meinte Günter, dass für diesen Tag lediglich „etwas Sturm“ angesagt war, für den folgenden dagegen „starker Sturm“ … Da durfte man ja gespannt sein!
| Die mächtige Cima Argentera (3297m) und sehr unscheinbar nahe dem rechten Bildrand die Cime du Mercantour (2772m) |
Am Gipfel (2674m) mit seiner Wetterstation war es entsprechend ungemütlich. Nach ein paar windzerzausten Gipfelfotos setzten wir uns daher auf der vermeintlich geschützten Seite des Bergs ins Gras und hielten erst mal Mittagsrast. Die Böen fanden ihren Weg allerdings auch hier zu uns, und da die Wolken der Sonne nur ausnahmsweise und kurz erlaubten, uns ihre wärmenden Strahlen zu schicken, wurden die Finger beim Vespern rapide kalt. So dehnten wir die Rast trotz der phänomenalen Rundumsicht – im Süden bis zum Meer, im Osten auf die Bergkette an der Grenze zu Italien und im Norden grüßte ganz in der Ferne bereits wieder die Barre des Écrins – nicht allzu lange aus.
| Am Gipfel des Mont Pépoiri mit Sturmfrisur ... |
| Aussicht bis zum Mittelmeer |
Allerdings blieben wir wesentlich länger, als die doch recht leicht geschürzten Trailrunner, die hier wieder an uns vorbeizogen und die wir gleich zu Beginn unseres Abstiegs noch einmal in der Ferne erspähten, als sie bereits auf dem nächsten Gipfel, dem Mont Pétoumier, standen.
Diesen hatten wir jedoch nicht mehr auf dem Programm, weshalb wir zwar zunächst dieselbe Abstiegsroute wie die Läufergruppe nahmen, dann aber auf einen anderen, lediglich mit Steinmännern markierten Pfad Richtung Tal abbogen. Vermutlich handelte es sich dabei in erster Linie um einen Hirtenpfad, den Schafshinterlassenschaften nach zu urteilen.
| Beim Abstieg bessert sich das Wetter rapide ... |
| ... und kurz vor dem Parkplatz wird's noch richtig warm. |
Kaum hatten wir dem Gipfel den Rücken gekehrt, kam doch tatsächlich die Sonne heraus, ja der Himmel war plötzlich wie leergefegt! Nur im Norden hingen nun statt der Sturmlinsen, die wir noch vom Gipfel aus dort beobachtet hatten, dicke dunkelgraue Wolken.
Zurück im Dorf legten wir noch einen Stopp in der Bar „La Balma“ ein, deren komplette Bezeichnung folgendermaßen lautete: Tabac-Restaurant-Bar-Vape-Cbd-Presse-Brasserie – so viele Services unter einem Dach und alles wurde, zumindest vor und hinter dem Tresen, von der total freundlichen, immer fröhlichen Pauline gemanagt!
![]() |
| In Saint Dalmas/Valdeblore - gegenüber der Kirche ist die Bar "La Balma". |
Einen Cappuccino und drei geteilte Kugeln Eis später gings dann zum Campingplatz, wo wir uns - siehe oben - schon wieder einen neuen Platz suchen mussten und zu unserer Freude ein weiteres, zu diesem angenehm nahe gelegenes Sanitaire-Gebäude entdeckten. Vom Stil her glich es dem anderen, war also etwas muffig und alt, aber voll funktionstüchtig und endlich mal wieder mit Klopapier und Seifenspendern ausgestattet, sowie sogar Papiertüchern für die Hände.
Nach dem Duschen genossen wir noch für eine Stunde die Sonne an unserem Platz und machten uns dann auf den Weg nach Saint-Martin-Vésubie.
| Blinder Passagier: der winzige Gecko saß bestimmt schon seit Ramatuelle in unserer Heckklappe, ob er in Saint Dalmas den Winter überlebt hat, ist fraglich ... |
Hierfür mussten wir erstmal mit dem Auto den Saint-Martin-Pass mit dem potthässlichen Skigebiet erklimmen, um anschließend erstaunlich weit hinab ins Vésubie-Tal zu rollen. Saint-Martin präsentierte sich dann inklusive Bachbett mehrheitlich als Baustelle. Die Tankstelle am Ortseingang, die wir dringend benötigten, gab es offenbar nicht mehr, zum Glück aber eine brandneue (Carrefour-Market Station Service, obwohl noch weit und breit kein Carrefour-Market zu sehen war) am Ortsausgang, wo Günter dann dem „Max“ für 100 € Diesel einflößen durfte. – Uff! – Und wieder nicht den Ersatzkanister gebraucht …
Die Suche nach einem Restaurant erwies sich anschließend als noch schwieriger, da viele geschlossen hatten und die begehrteren Restaurants folglich ausgebucht waren. So landeten wir im eher schlecht bewerteten „L’Embuscade“ (= der Hinterhalt – Nomen est Omen?), zunächst als einzige Gäste, später kamen noch zwei andere Paare, denen es wohl ähnlich ergangen war wie uns. Das Restaurant wirkte tatsächlich wenig einladend und die Betreiber reichlich schräg. Die beiden in die Jahre gekommenen Jungs hatten ganz offensichtlich kein Händchen für gelungene Deko oder sonstige ansprechende Gestaltung ihres Gastraums. Zudem war alles etwas schmuddelig und, ehe der Koch tätig wurde, roch es unangenehm nach abgestandenem, kaltem Rauch, unter anderem sicher, weil die beiden bei jeder Gelegenheit selbst vor der offenen Tür rauchten.
Das Essen war dann schon ok – mal wieder Pizza Napolitaine (Kapern, Oliven, Anchovis) und ein Entrecôte mit Pfeffersauce, Pommes und Salat, das teils etwas zäh, teils ganz gut war. Bier tranken wir dazu, ein „Blonde“, bei dem wir uns nicht ganz sicher waren, ob es sich um ein Helles oder ein Weißbier handelte (vom Geschmack her eher letzteres), diesmal nur ein kleines – es sollte ja noch sicher mit dem Auto zurückgefahren werden …
Sonntag, 5.10. – Saint Dalmas – Camping Municipal
Am Sonntagmorgen kamen wir zwar wieder nur schwer aus den Federn, weil die Nacht recht frisch gewesen war und die Sonne lange auf sich warten ließ an unserem Platz, doch gegen zehn hatten wir es dann trotzdem bereits an den Ausgangspunkt der Wanderung zur Cime du Mercantour geschafft. Eine halbe Stunde Anfahrt brauchte es bis zum großen Parkplatz vor dem „Alpha-Wolfszentrum“, bei dem es wohl einen Tierpark und/oder ein Wolfsgehege gibt. Im nagelneuen Besucherzentrum nutzten wir allerdings nur schnell die WCs, ehe wir uns zu Fuß auf den Weg machten.
Lästigerweise ging es zunächst noch ein paar hundert Meter auf der Fahrstraße entlang und zudem stellten wir fest, dass es wohl auch unproblematisch gewesen wäre, direkt an unserer Abzweigung Richtung „Gîte du Boréon“ (einer Unterkunft für Wanderer) am Straßenrand zu parken. Nach der Abzweigung ging es anfangs ebenfalls noch auf einem steilen betonierten Fahrweg an der „Gîte“ und diversen Privatanwesen vorbei bergan, wenn nicht gerade eine Abkürzung durch den Wald oder eine Art Gehweg parallel zur Betonpiste als Wanderweg ausgewiesen war.
Bei einer ersten Weggabelung entschieden wir uns, die Rundwanderung im Gegenuhrzeigersinn anzugehen, wie in der Outdooractive-Beschreibung, an der wir uns orientierten, vorgeschlagen. Und dies stellte sich letztlich auch als sehr gute Wahl heraus, da der steilste und potentiell grusligste Abschnitt der Tour so im Aufstieg zu bewältigen war.
Zunächst ging es nun durch Fichten- und Kiefernwald hinan bis zur verlassenen „Vacherie des Erbs“. Ab hier wandelte sich der Wald nach und nach und übernahmen Lärchen allmählich den Hauptbestand. An einer weiteren Weggabelung folgten wir dann getreu unserer Beschreibung einem unmarkierten Pfad geradeaus, der aber augenscheinlich doch recht häufig begangen wurde. Jedenfalls war er nie wirklich zu verfehlen, auch nicht nachdem der Wald aufgehört hatte und wir durch grobes Fels- und Blockgelände weiter aufstiegen. Bis auf einige wenige halbwegs ebene Zwischenstufen ging es dabei die ganze Zeit ordentlich steil bergauf, so dass wir uns schon fragten, was wohl der Autor der Outdooractive-Tour dann unter „extrem steil“ verstehen mochte …
| Aufstieg zur Cime du Mercantour im nur vereinzelt bereits herbstlich verfärbten Lärchenwald |
| So langsam lichtet sich der Wald ... |
| ... und Felsblöcke und Schotter übernehmen. |
Eine Gruppe Weitwanderer, die uns von oben entgegen kam, wies uns auf (mangels gemeinsamer Sprache) nicht genauer spezifizierte „große Tiere“ hin, die sie kurz zuvor gesehen hätten. Und wenig später trafen wir tatsächlich auf einen Steinbock, allerdings „nur“ auf den einen. Dieser rupfte in aller Seelenruhe auf und direkt neben dem Weg an dem Gras, das hier zwischen den nackten Steinblöcken wuchs, beäugte uns zwar mit einer Mischung aus Neugier und gesundem Misstrauen, fühlte sich aber selbst dann nicht zur Flucht genötigt, als wir in möglichst gebührendem Abstand an ihm vorbeigingen. Ruhig und ganz ohne Hektik passierten wir ihn, um ihn weder zu erschrecken, noch gar zu einer aggressiven Reaktion herauszufordern. Für ein paar Fotos musste er dann aber schon herhalten. 😉
| Der Wächter des Mercantour ... |
| ... lässt uns nicht aus den Augen, bis wir aus seinem Blickfeld verschwunden sind. |
Wenig später erreichten wir den oberen Teil des verblockten Kars, wo wir rasteten und beschlossen, das Vesper diesmal nicht bis zum Gipfel aufzusparen, da es bereits auf 13 Uhr zuging.
Nach der Mittagsrast ging es noch über einen letzten Aufschwung, der uns auf eine kleine Hochebene brachte, die auf drei Seiten von hohen Berghängen und Felswänden umgeben war. Der Pfad, auf dem wir hierher gelangt waren, hätte nun nach rechts und über einen Pass nach Italien geführt, wir jedoch sollten unserer Wegbeschreibung zufolge im rechten Winkel nach links abzweigen. Und dann würde irgendwo dort oben der besagte „extrem steile“ Wiesenhang auf uns warten, der zu einer Scharte hinaufführen sollte. Dank GPS-Track war der Weg, der erst durch ein kleines Sumpfgebiet mit ein paar gut getarnten Gräben, dann zunächst weiter durch Blockgelände anstieg, trotz der eher sporadischen Steinmänner gut zu finden. Und zudem kam, gerade als wir allmählich das tatsächlich beeindruckend steile Wiesengelände erreichten, eine Wanderin vorsichtig von oben herabgestiegen.
| Blick zurück über die kleine Hochebene im Talschluss. |
| Beim steilen Aufstieg zur Scharte zwischen der Cime du Mercantour und dem Caïre Nègre du Mercantour |
| Lac du Mercantour und dahinter in der Ferne der Mont Pépoiri |
Im Aufstieg fand ich die Stelle dann gut machbar und natürlich wäre man auch irgendwie wieder dort hinuntergekommen, wenn es keine andere Möglichkeit gegeben hätte, aber gegraust hätte es mir dabei mit Sicherheit …
Oberhalb der Scharte galt es noch den Schlussanstieg zum Gipfel der Cime du Mercantour (2772m) zu bewältigen, den wir schließlich nach gut 4 ½ Stunden und fast 1300 überwundenen Höhenmetern erreichten.
| Am Gipfel der Cime du Mercantour (2772 m) |
Noch schien die Sonne und der Wind hielt sich verglichen mit dem Vortag und entgegen der Sturmankündigung zum Glück sehr in Grenzen. Kühl wurde es trotzdem schnell, so dass Pulli, Jacke, Mütze, Stirnband hervorgekramt wurden. Ein paar Fotos in die weite Runde – auch von hier waren noch einmal die Côte d’Azur und das Meer zu sehen, im Norden ragten die italienischen Nachbarberge – wir befanden uns hier exakt auf der Grenze – mit der Cima Argentera (3297m) auf und im äußersten Westen meinten wir wieder die Barre des Écrins sowie den Monviso zu erspähen.
| Blick nach Italien ins schattige Valle della Valletta - rechts neben dem Monte Matto spitzt der Monviso hervor. |
| Und noch einmal in groß: links Monte Matto, rechts dahinter der Monviso |
Auch den Mont Pépoiri konnten wir ausmachen, so wie von diesem tags zuvor schon die Cime du Mercantour. Allerdings war dieser von dort aus betrachtet mit seinem gerundeten und bis oben grasbewachsenen Gipfelrücken zwischen all den anderen, deutlich markanteren Gipfeln kaum aufgefallen. Trotzdem fanden wir die vielen Stunden, die Anstrengung und den reichlich vergossenen Schweiß für diese angenehm einsame Wanderung in beeindruckender Berglandschaft bestens investiert.
Der Abstieg vorbei am Lac du Mercantour und Lac de Cerise war dann zwar ebenfalls steil und lang und anstrengend, aber an keiner Stelle so extrem wie der Wiesenhang vom Aufstieg. Am Lac de Cerise trafen wir noch auf ein paar Gämsen, die fast ebenso unbesorgt auf uns reagierten wie zuvor der Steinbock, allerdings von sich aus doch einen gewissen Sicherheitsabstand wahrten. Und in der Nähe der „Vacherie du Cavalet“ weideten ein paar prächtige Kühe im Wald, die sich schon lange durch ihr Geläut angekündigt hatten, ehe wir sie zu Gesicht bekamen.
| Am Lac de Cerise ... |
| ... treffen wir eine größere Gruppe Gämsen. |
| Gämsen wo man hinschaut ... |
Unter den wenigen Menschen, die uns an diesem Tag begegneten, fiel uns besonders ein Trailrunner auf, weil er gleich zweimal an uns vorbeizog: das erste Mal noch relativ früh beim Aufstieg im Wald, und dann noch einmal, als wir – längst wieder im Wald – eine allerletzte Rast einlegten. Wir wunderten uns schon etwas, erstens dass er noch immer unterwegs war und zum anderen, dass er noch einmal den Weg zur Vacherie des Erbs einschlug, statt geradewegs ins Tal zu laufen. Ob er tatsächlich derjenige war, den eine besorgte junge Frau suchte, die mit ihrem Auto neben uns stoppte, als wir gerade wieder in die Straße zum Parkplatz einbogen? – Hoffen wir jedenfalls, dass sie sich gefunden haben bzw. dass der Läufer es vor Einbruch der Dunkelheit ins Tal schaffte!
Im Übrigen hatte es in der Zwischenzeit ziemlich eingetrübt. Schon am Gipfel vertrieb uns letztlich eine fette graue Wolke, die sich unversehens über uns zusammengebraut hatte. Und leider blieb uns diese dann für den Rest des Weges hartnäckig erhalten. Immerhin bekamen wir keinen Regen ab, wohingegen die Straße auf dem Weg zum Col St-Martin bei der Rückfahrt nass war.
Im Skigebiet am Col war dann am Sonntagabend tote Hose und alle Restaurants geschlossen. Und auch die gute Pauline im „La Balma“ konnte uns diesmal nicht weiterhelfen, weil die Bar um 19 Uhr Feierabend machte.
Da war nun wieder einmal guter Rat teuer – wie sich herausstellen sollte, im wahrsten Sinn des Wortes: Letztlich lief es nämlich darauf hinaus, dass uns, wollten wir nicht hungrig schlafen gehen oder uns mit irgendwelchem Junk aus unseren Vorräten begnügen, lediglich eine einzige Chance blieb: Im Nachbarort La Roche bot die „Auberge de La Roche“ ein Abendmenü für schlappe 95 € pro Person (ohne Getränke) an. Sollten wir hier wider Erwarten noch spontan einen Tisch bekommen, wären wir „gerettet“, wenn auch entsprechend viel Geld los.
Am Ende rang sich Günter zu einem Anruf durch und tatsächlich durften wir kommen, sollten aber möglichst schon um 19.30 Uhr auf der Matte stehen. Da es inzwischen bereits zehn vor sieben war, wir noch ein paar Meter zum Campingplatz zu fahren hatten, dann zumindest ich duschen wollte, wir beide uns umziehen mussten und es schließlich noch 10 Minuten Fahrt dorthin waren, wurde es kurz ganz schön hektisch.
Zum Glück leitete uns das Google-Navi richtig, denn ansonsten wären wir sicher an der unscheinbaren Einfahrt zur „Auberge de La Roche“ vorbeigerauscht, die noch dazu auf der von uns aus gesehen linken Straßenseite dann gleich scharf links abbog und ein Stück bergab führte. Der übersichtliche Vorplatz der Auberge war schon gut zugeparkt, so dass sich Günter genötigt sah, ganz am Rand und mit der Nase des „Max“ in irgendwelchem Grünzeug zu parken. Da konnten wir nur hoffen, dass es sich nicht um den Kräutergarten handelte … 😉
Allzu schlimm wäre es dann wohl nicht gewesen, wenn wir uns ein paar Minuten verspätet hätten, jedenfalls trafen einige Gäste noch deutlich nach uns ein. Doch dann ging es doch recht flott zur Sache, wurden wir nach unseren Aperitif- und (wenig später) Weinwünschen gefragt. Und obwohl wir uns eigentlich vorgenommen hatten, möglichst wenig Alkoholisches zu trinken, wurden es dann doch gleich mal ein Gin-Tonic und anschließend zum Essen eine Flasche (zum Glück ziemlich leichten) Weißwein …
Dann startete auch gleich das Menü, das hier für alle gleich und mehr oder weniger gleichzeitig aufgefahren wurde. Relativ viel Fisch kam auf den Tisch, der anscheinend frisch von einem Händler in Frejus geliefert wurde. Gleich zu Beginn gab es geräucherten Lachs, sowie frittierte Teigbällchen mit Käsefüllung. Beim zweiten „Amuse-Gueule“ kamen frittierte Teigtaschen, die mit grünen Kräutern gefüllt waren (aus dem Beet in dem der „Max“ stand???), sowie ein dünnes Scheibchen eines Mittelmeerfischs namens „Seriole“ (Bernsteinmakrele) auf einem etwas süßlich schmeckenden, sehr buttrigen Gebäck. Im weiteren Verlauf des Menüs gab es vom selben Fisch dann noch ein etwas größeres Stück, doch auch Kalbsfilet wurde serviert. Dem folgten noch mindestens zwei weitere Gänge, die teilweise recht obskur waren und deren Bestandteile uns auch durch die Erläuterungen der beiden Serviererinnen (für uns auf Englisch) nicht so richtig klar wurden.
Geschmeckt hat uns alles und bis wir zu den Nachspeisen kamen, waren wir definitiv satt, zumal wir auch bei dem sehr guten und frischen Bauernbrot ordentlich zugelangt hatten, das zu einem der ersten Gänge serviert wurde.
Auf 290 € belief sich der Spaß am Ende – kostspielig aber durchaus sein Geld wert. Die sympathischere der beiden Serviererinnen, die auch das Kassieren übernahm, machte dabei noch ein wenig Smalltalk. Unter anderem wollte sie wissen, wo wir übernachteten, und als sie erfuhr, dass wir auf dem Campingplatz „abgestiegen“ waren, war sie dann doch leicht amüsiert …
War aber auch ein harter Kontrast: Gerade saßen wir noch im gediegenen Ambiente des Hotels und der wohligen Wärme des Kaminfeuers (nach dem unsere Klamotten noch drei Tage später rochen) und wenig später schlotterten wir wieder in der kalten, klaren Nacht in unserem Campingmobil. Zum Glück milderte der Heizlüfter die Kälte ein wenig bis wir in die Schlafsäcke gekrochen waren.
Am Sonntagabend waren die Dauercamper zwar wieder mehrheitlich abgereist und von daher war es angenehm ruhig auf dem Platz. Allerdings brüllten praktisch die ganze Nacht hindurch irgendwelche Tiere (den fast vollen Mond an?), zunächst dachten wir wieder an röhrende Hirsche, doch dann hatten wir eher die Zottelrinder in Verdacht, die in der Nähe des Platzes weideten. Also mussten noch einmal die Ohrstöpsel Abhilfe schaffen und dann durften wir nach diesem langen und ereignisreichen Tag endlich schlafen.
Intermezzo am Comer See und Heimfahrt
Montag, 6.10. – Sueglio / Italien, Chalet Legno Antico
Am Montag erwachten wir zu einem strahlend sonnigen, aber zunächst noch empfindlich kühlen Morgen. Da dies ein ausschließlicher Fahrtag werden sollte und Günter am Vorabend zwischen Gourmetessen und Campingnacht noch eine Unterkunft in der Nähe des Comer Sees gesucht, gefunden und gebucht hatte, ließen wir uns mit dem Aufstehen viel Zeit und packten dann in aller Ruhe ein letztes Mal zusammen. Auch das Bezahlen klappte am Ende noch, obwohl Günter wieder erst anrufen musste, ehe ein ganz anderer Mensch, ein bereits vor langer Zeit nach Frankreich ausgewanderter Engländer, erschien und die Rechnung präsentierte – etwas über 80€ für drei Nächte plus Strom.
Fast genauso viel Geld ließen wir anschließend im kleinen Dorf-Proxi (Supermarkt) liegen, wo wir nicht nur Brot für den Abend, sondern doch noch einmal ein paar Flaschen regionalen Wein, sowie ein großes Stück Käse aus dreierlei Milch (Kuh, Schaf, Ziege) erstanden, das als Gastgeschenk für einen von Günters Kollegen gedacht war, der ein paar Tage später bei sich zu Hause zum Umtrunk einlud. - Da strahlte der Ladenbetreiber an der Kasse!
Es folgte ein Tag mit extrem vielen Kurven: Erst ging es hinab ins Tal der Tinée, dann wieder hinauf zum Skigebiet Isola 2000 (grässlich, jedenfalls ohne Schnee) und weiter über den 2350m hohen Col de la Lombarde nach Italien. Interessanterweise markierte diesen Pass nur eine winzige, schon etwas verwitterte Holztafel. Anscheinend gibt oder gab es zwar noch ein anderes Schild (Fotos sind bei Google Maps zu finden), das wie derzeit üblich vor lauter Aufklebern kaum mehr lesbar ist, doch sollte es nicht gerade abmontiert gewesen sein, haben wir es wohl ebenso übersehen wie einen riesigen metallenen Steinbock, den wir erst im Rückspiegel beim Weiterfahren entdeckten …
Aber egal, jedenfalls verließen wir hier sang- und klanglos Frankreich und reisten nach Italien ein, das seinerseits lediglich darauf hinwies, dass wir uns nun in der Provincia di Cuneo befanden.
| Au revoir la France! - Buongiorno Italia! |
All dies, sowie der zum Glück sehr übersichtliche Verkehr auf der seit Isola 2000 sehr schmalen Passstraße, waren deutliche Hinweise, dass wir uns auf einer eher unbedeutenden Route zwischen den beiden Ländern befanden, und hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass wir beim Bergabrollen zumindest anfangs relativ ungestört das Panorama bewundern konnten. Irgendwann kam uns allerdings eine Horde gleichförmig asphaltgrauer, nagelneuer Porsches mit Münchner Kennzeichen entgegen, deren Fahrer sich offenbar für die „gleicheren“ Verkehrsteilnehmer hielten und Günter ein ums andere Mal dazu nötigten, den „Max“ an den Straßenrand zu quetschen, damit sie zügig vorbeibrausen konnten …
Richtung Tal wurde der Verkehr dann insgesamt etwas dichter und als wir dieses, das Valle Stura di Demonte, erreicht hatten, wurde es erst richtig verrückt, weil auf der nun zwar wieder zweispurigen, aber noch immer relativ schmalen Straße (SS21) ein irrsinniger LKW-Verkehr herrschte.
Höchste Zeit zum Mittagessen war es auch mal wieder, so suchten wir entlang der Strecke nach Restaurants, die noch geöffnet hatten. Das Erstbeste schien dann die Pizzeria „La Rustica Del 900“ in der Ortschaft Demonte zu sein, an dem die SS21 direkt vorbeiführte. Stellte sich allerdings heraus, dass es mittags hier nur ein Einheitsmenü für 11 € gab, das uns die Wirtin mündlich auf Italienisch vortrug, so dass wir sicher nicht alles richtig verstanden haben. Wir wählten dann Gnocchi Gorgonzola und bestellten für jeden einen „kleinen“ Salat dazu.
Der Teller Gnocchi fiel gut und reichlich aus, war aber etwas eintönig, denn den Salat, für jeden eine ordentliche Schüssel voll, den wir wie in Italien üblich noch selbst anmachen mussten, gabs erst anschließend, quasi statt des zweiten Gangs im Menü. Und so wurde dann auch abgerechnet: wir zahlten jeder das komplette Menü und die Getränke, die offenbar nicht inbegriffen waren, kamen noch oben drauf. 5 € für ein kleines Bier, bzw. 4 € für eine eher schon leicht abgestandene kleine Cola fanden wir recht happig, und dass die Espressi am Ende ebenfalls noch extra berechnet wurden, obwohl auf der schriftlichen Menü-Karte an der Bar, die mir erst jetzt auffiel, eigentlich auch noch entweder Dessert oder Caffè standen, recht fragwürdig. Andererseits gingen wir hier trotzdem für gerade mal 35 € gesättigt und halbwegs zufrieden raus, was sollten wir da noch herumfeilschen?
Weiter gings durchs Valle Stura, das nun zunehmend weiter wurde, noch auf der Landstraße an Cuneo vorbei, ehe etwas weiter nördlich die Autobahn A33 Richtung Turin begann. Während der Fahrt Richtung Norden hatten wir die ganze Zeit ein geniales Bergpanorama vor uns, doch taten wir uns schwer damit, die Berge mit Namen zu versehen. Den Mont Blanc jedenfalls konnte man aus dieser Perspektive, entgegen unserer anfänglichen Annahme, trotz klarstem Himmel und sehr guter Fernsicht nicht sehen. Dagegen wohl viele Berge der Westalpen, so den Monte Rosa und sogar das Matterhorn, sowie weiter im Süden und somit näher an Turin den Gran Paradiso und noch weiter südlich den prägnanten Monviso.
Rund um Turin und noch verstärkt in der Gegend um Mailand füllten sich die Autobahnen dann zusehends, denn inzwischen war Spätnachmittag und so gerieten wir voll in den Feierabendverkehr. Als Münchner wissen wir natürlich, was das bedeuten kann, aber dass wir so dermaßen ausgebremst werden würden, vor allem auch, als wir schon längst Mailand hinter uns gelassen hatten und auf der SS36 Richtung Lecco und Comer See unterwegs waren, hätten wir dann doch nicht gedacht.
Letzten Endes erreichten wir unsere Unterkunft erst nach Sonnenuntergang, so dass wir von der tollen Aussicht über den See, die diese versprach, fürs erste gar nichts hatten. Ab der Autobahnabfahrt bei Dervio führte zum „Chalet Legno Antico“ im Übrigen noch einmal eine sehr schmale und sehr kurvenreiche Straße hinauf, ja tatsächlich lag das Holzhaus sogar selbst direkt in einer Haarnadelkurve.
| So haben wir das bei der Anfahrt leider nicht mehr gesehen, doch am nächsten Tag dann umso ausgiebiger :) |
| Das Chalet Legno Antico und darüber der Monte Legnoncino |
Vor Ort zeigte sich hier an diesem Abend niemand, Günter hatte lediglich per Mail mit den Vermietern kommuniziert. Die Schlüsselkarte konnten wir nach anfänglichen Schwierigkeiten dann doch noch per Zahlencode aus ihrem Kästchen neben dem Eingang befreien und unser Zimmer „1993“ beziehen.
Hier war alles schon arg auf schicke Almhütte gestylt mit ausschließlich altem (oder auf alt gemachtem) Holz an den Wänden und durchgehendem Steinboden in Zimmer und Bad. Statt Waschbecken gab es einen Steintrog und die Dusche war vor lauter Styling so unpraktisch, dass ich auf Anhieb gar nicht herausfand, wie ihr Wasser zu entlocken war. Zudem war eine Überschwemmung des Bodens bis hinaus in den Wohn-/Schlafraum schlicht nicht zu vermeiden.
Später zeigte sich noch ein weiteres Manko des Holzhauses: als die Nachbarn auf beiden Seiten eintrudelten, waren sie sehr deutlich zu vernehmen. Doch, was das anging, waren wir bereits durch die Rezensionen vorgewarnt und außerdem stellte sich heraus, dass wir Glück hatten und die Nachbarn längst ruhig waren, als wir schließlich zu Bett gingen. – Hoffentlich hatten nicht nur wir Glück mit ihnen, sondern auch sie mit uns. Jedenfalls bemühten wir uns redlich, möglichst wenig Lärm zu machen. Ob uns das allerdings durchgehend gelungen ist, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten …
Dienstag, 7. 10. – Wieder zuhause
Morgens war das Frühstücksbuffet im Untergeschoss angerichtet und hier trafen wir auch zum ersten und einzigen Mal unsere Mitgäste und ein paar Angestellte der Unterkunft. Vom Frühstücksraum ging es ebenerdig raus in den Garten mit Pool und herrlicher Aussicht über den Comer See, die wir anschließend noch kurz in Augenschein nahmen.
![]() |
| Pool mit Seeblick |
Und dann hieß es für uns leider bereits wieder Abschied nehmen. Doch verließen wir die Gegend noch nicht gleich, sondern fuhren die kleine kurvige Straße bis zu ihrem Ende hinauf und bestiegen von dort aus den Monte Legnoncino (1714m). Bis zum Gipfel waren moderate 500 Hm zu überwinden und dann genossen wir bei herrlichstem Wetter mit Sonne satt ausgiebig den hier noch viel gigantischeren Ausblick über den Comer See und auf die Berge ringsum: im Norden Bergell und Monte Spluga, im Südosten Monte Rosa und Monviso, direkt nebenan der fast 1000m höhere Monte Legnone, auf den wir vor Jahren zusammen mit Daniel schon einmal gestiegen waren.
| Comer See beim Aufstieg zum Monte Legnoncino |
| Lago die Mezzola und die Berge des Bergells |
| Das nördliche Ende des Comer Sees mit der Mündung der Adda. |
| Auf dem Monte Lengoncino (1714m) |
| Sueglio, Dervio, Lago di Como und der Monte Rosa (rechts oben am Bildrand) |
| Der fast 1000 m höhere Nachbar: Monte Legnone (2609m) |
Leider konnten wir nicht ewig dort oben sitzen bleiben, denn wir wollten und mussten ja noch nach Hause fahren an diesem Tag. Zurück am Parkplatz gab es auf der Ladeklappe noch das verdiente Vesper, dann rollten wir die vielen Kurven hinab zum See und anschließend an diesem entlang durch mehrere Ortschaften.
Im Industriegebiet bei Colico tankten wir für günstige 1,54 € pro Liter Diesel, doch WC war dort leider Fehlanzeige. So bogen wir bei nächster Gelegenheit, die sich allerdings erst nach gefühlt unendlich vielen Kilometern und mehreren Ortsdurchfahrten kurz vor Somaggia ergab, in einen Feldweg mit nahem Gebüsch ab ...
Dann konnte es erleichtert weitergehen und hinter Chiavenna Richtung Splügenpass hinauf, bis zu dem es ganze 51 Kehren sein sollten. Der „Max“ musste sich hier ganz schön quälen lassen, um die Steigung und die Kurven zu meistern. Zudem herrschte auf der sehr schmalen Straße anfangs ganz ordentlich Gegenverkehr.
Oben angekommen war es mal wieder ein Wettlauf mit den Wolken, die immer genau dann dicht zu machen drohten, wenn Günter ein lohnendes Fotomotiv identifiziert hatte.
| Am Lago di Montespluga |
| Noch ein Blick zurück nach Italien und auf die obersten der 51 Serpentinen |
Kalt war es inzwischen obendrein und bei der Abfahrt vom Pass in der Schweiz Richtung Chur ging schon bald die Sonne unter.
| Das Dorf Splügen im Abendlicht |
Später, bei der Fahrt durch das Rheintal wohnten wir dann dem Spektakel des aufgehenden „Super-Vollmonds“ bei.
So langsam waren wir nun auch hungrig, weshalb wir uns nach dem Grenzübertritt bei Lustenau in Österreich als allererstes ein Restaurant suchten. An der ominösen ultraschmalen Strecke („Zellgasse“), über die Google uns (und augenscheinlich auch alle anderen) hier regelmäßig schickt, lag praktisch direkt das „La Piedra Steakhouse Lustenau“, insofern war es naheliegend, dort für die allerletzte Mahlzeit auf dieser Reise einzukehren. Wie nicht anders zu erwarten war dies in erster Linie eine prima Adresse für Fans guter und großzügig bemessener Steaks, doch auch der Service ließ nichts zu wünschen übrig.
Gesättigt rollten wir anschließend im allerschönsten Mondschein auf der A 96 vollends nach Hause. Um halb elf war es dann endlich geschafft: der „Max“ parkte wieder am heimischen Bordstein. Nur das Allernötigste nahmen wir gleich mit nach oben, genossen noch einen Whisky als Absacker und dann durften wir endlich wieder ins eigene Bett fallen – und am Mittwochmorgen noch einmal ausschlafen!






