Text: Eva Irmler
Fotos: Günter Schmidt
Marseille und Calanques
Montag, 22.9. – Sormiou, L’appartement Jardin Secret
An unserem ersten Morgen in der Ferienwohnung standen wir recht spät auf und frühstückten gemütlich, ehe wir uns zu Fuß auf den Weg in die Calanques machten. Zunächst lenkten wir allerdings unsere Schritte noch zu einem gigantischen Leclerc-Supermarkt, der praktischerweise direkt am Weg lag, um frisches Brot und Wasser für unterwegs zu kaufen.
Gegenüber vom Supermarkt bogen wir anschließend in ein ruhiges Wohngebiet ein, das nahtlos in einen lichten Pinienwald überging, durch den wir, vorbei am historischen Brunnen „Fontaine de Voire“, flott an den Fuß der ersten Kalksteinfelsen der Calanques gelangten.
Roten Markierungen folgend stiegen wir nun durch die Felsen bergan, später hielten wir uns an grüne, die laut Günters Karte einen etwas schwierigeren Pfad ausweisen sollten, doch außer, dass es etwas steiler wurde, gab es für unser Gefühl keinen großen Unterschied.
Auf der Hochfläche „Plateau de l’Homme Mort“ angelangt konnten wir zum ersten Mal von oben einen Blick auf Marseille werfen. Der Fotograf war aber nicht zufrieden mit der erst besten Aussicht und so ging es auf der Suche nach dem allerbesten Blick noch ein paarmal auf der Ebene hin und her.
| Erster Blick auf Marseille ... |
Auf dem Weg zur Tête de la Melette legten wir dann eine erste kleine Pause ein, bei der wir die schwammartigen (und zu unserer Überraschung mit Rum getränkten) Mini-Gugelhupfs verspeisten, die im Leclerc irgendwie in unseren Einkaufskorb gefallen waren … Beim Weitergehen wunderten wir uns dann ein bisschen, wie ausgesetzt der angeblich einfache Pfad teils war, und dass wir am Ende sogar mal die Hände benutzen mussten, um zur Tête de la Melette zu gelangen und von dort den schönen Blick aufs Meer und die vorgelagerten Inseln zu genießen.
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| Auch hinab darf wieder gekraxelt werden. |
Von hier aus ging es allerdings nicht weiter, so mussten wir erst auf das Plateau de l’Homme Mort zurückstiefeln, ehe es über den Col de Cortiou zu unserem nächsten Ziel, der Calanque de Sormiou gehen konnte. Am Col de Sormiou stießen wir auf die Fahrstraße, die Marseille mit der beliebten Badebucht verbindet und die sich zum Glück gut auf einem steilen, felsigen Wanderweg abkürzen ließ.
In der Calanque de Sormiou picknickten wir am gut besuchten kleinen Sandstrand, wofür es weit nach 14 Uhr schon reichlich spät war. Und anschließend ließen wir es uns beide nicht nehmen, das herbstliche Mittelmeer zu testen, das, wie wir feststellten, noch ganz angenehm temperiert war. Außerhalb des Wassers wehte jedoch ein kühler Wind, der uns schnell frösteln ließ. Zudem fraß nun am späteren Nachtmittag der Schatten immer mehr Strandfläche auf und zwang die Strandbesucher, dichter zusammenzurücken. Und natürlich lag auch unter Wasser allmählich alles im Schatten, weshalb sich Günters Schnorchelrunde nicht wirklich lohnte.
| Strandleben an der Calanque de Sormiou |
| Unterwasserleben - Goldstriemen |
| Der Schatten kommt, die Sonnenhungrigen müssen zusammenrücken. |
Es folgte der zweite und, wie sich mit der Zeit zeigte, bei weitem anstrengendere Teil des Wandertags: Am kleinen Hafen der Calanque de Sormiou vorbei strebten wir in Richtung Crête de Morgiou. Allerdings nahmen wir dafür nicht den direkten (ausgeschilderten und markierten) Weg, der uns allzu früh zum Restaurant „Chez Zé“ geführt hätte, in dem wir für abends reserviert hatten. Stattdessen folgten wir auf einem sporadisch mit Steinmännern markierten Pfad immer mehr oder weniger der Küstenlinie, teils nahezu am Wasser, teils weit oberhalb. Da der Pfad trotz GPS-Track nicht immer leicht zu finden war, bogen wir an gleich zwei verschiedenen Stellen zunächst falsch ab und mussten noch einmal ein Stück zurück, weshalb uns dann doch allmählich die Zeit davonzulaufen drohte. Zuletzt mussten wir uns durch ein steiles, schottriges und leider noch viel zu sonniges Kar hinaufmühen, um zu einem Durchschlupf am Rand steiler Felswände zu gelangen, der uns schließlich auf die Crête de Morgiou brachte.
Doch der erhoffte Blick in die Calanque de Morgiou blieb uns zunächst verwehrt, da von der Crête erst mal nur das langgestreckte Tal (Vallon de Morgiou) zu sehen war, das letztlich zur Calanque hinabführt. Erst als wir beim Weiterweg noch etwas höher und um eine Kurve kamen, zeigte sich die tief eingeschnittene Calanque ganz kurz.
Der Rückweg zog sich dann noch und so langsam war ich zudem ziemlich erschöpft. Doch trotz aller Verzögerungen hatten wir das „Chez Zé“ letztlich sogar wenige Minuten vor 19 Uhr erreicht. Bei der Frage, ob wir drinnen oder draußen sitzen wollten, schafften wir es mal wieder, völlig aneinander vorbeizureden, und landeten an einem Außentisch, wo es jetzt am Abend natürlich recht kühl und zugig war. Sicherlich hätten wir noch wechseln können, aber, na ja, manchmal steht man sich einfach selbst im Weg …
In dem hochgepriesenen und auch von unserer Vermieterin empfohlenen Restaurant, bestellte Günter Tatar, ich Entrecôte zu denen jeweils Pommes und Salat gehörten. Im ersten Anlauf kam das Entrecôte dann so verkohlt und zudem nahezu durchgebraten auf den Tisch, dass ich mich tatsächlich mal beschwerte, woraufhin es ohne großes Wimpernzucken durch ein anderes ersetzt wurde. Das zweite Stück Fleisch war dann ok und wirklich „à point“, wenn es auch teils trotzdem verbrannt schmeckte – vermutlich einfach durch Kohle vom Grillrost, die daran kleben geblieben war. Eine Tarte tatin sollte es zum Nachtisch diesmal noch sein, ein Apfelkuchen mit ganz wenig Teig (der tatsächlich auch etwas angekokelt war – scheint die Spezialität des Hauses zu sein, auch die Pizzen an den Nachbartischen wirkten an den Rändern ganz schön schwarz …), der mit einem Gläschen Rum und reichlich Sahne serviert wurde. Und zuletzt gabs sogar noch einen Limoncello aufs Haus.
Satt und zufrieden (am Ende also doch …) musste anschließend noch eine dreiviertel Stunde heimgewankt werden, erst bergab Richtung Stadt, am Gefängnis von Marseille vorbei und zuletzt wieder zur Ferienwohnung hinauf.
Dienstag, 23. 9. – Sormiou, Jardin Secret
Marseille-Besichtigungstag
Das Auto wollten wir in den drei Tagen, die wir in und um Marseille verbrachten, möglichst nicht bewegen, so blieben für die Stadtbesichtigung nur die Alternativen Öffis oder Roller. Am Ende entschieden wir uns für letztere, um unabhängig von Fahrplänen zu sein und uns nicht mit dem hiesigen Tarifdschungel auseinandersetzen zu müssen.
Also ging es mit unseren „Flitzern“ (bergab stimmt das ja …) erst mal steil und flott den Hügel hinab zur Hauptstraße und an dieser auf Radwegen entlang, ehe wir auf verschlungenen Pfaden weiter bis zum Meer hinabrollten, das wir an der Anse de la Vieille Chapelle erreichten.
| An der Anse de la Vieille Chapelle - Marseille |
Auf dem Strand bzw. den Fußwegen oberhalb, die für die Roller zwar nicht ideal, aber noch fahrbar waren, näherten wir uns allmählich dem Zentrum. An der Escale Borely mit dem Riesenrad vorbei erreichten wir die Promenade Georges Pompidou, parallel zu der wir auf dem Radweg zur „Corniche Kennedy“ weiter-„rollten“. Tatsächlich ging es hier zunächst ein paar Meter bergauf und kurz vor der Corniche endete leider unvermittelt der bis dahin gute Radweg. Um uns nicht auf der engen, stark befahrenen Straße in Gefahr zu bringen, mogelten wir uns daher erst auf dem nicht minder engen und vollen Gehweg durch.
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| Promenades George Pompidou - noch gäbe es einen prima Radweg. |
Schließlich versuchten wir es mit irgendwelchen Seitengassen, die zwar teils für den motorisierten Verkehr gesperrt waren, aber gelegentlich auch über Treppen führten. Zum Glück sind unsere Roller nicht sonderlich schwer, so war es kein echtes Problem, sie immer mal wieder treppauf oder treppab zu schleppen. Nachdem wir noch den hübschen Mini-Hafen der „Anse Malmousque“ besichtigt hatten, blieb uns jedoch nichts anderes übrig, als zur Hauptstraße zurückzukehren, uns an dieser vollends zum Vieux Port durchzuschlängeln und dabei wieder mit den Fußgängern um den wenigen Platz zu rangeln.
Besser, weil deutlich breiter wurde es erst direkt am Alten Hafen, doch nun ketteten wir bald die Roller an ein Verkehrsschild und wandten uns dem Mittagessen im Restaurant „Le Bouchon Provençal“ an der Place aux Huiles zu.
| Vieux Port - im Hintergrund Notre Dame de la Garde |
| Rollerparkplatz am Vieux Port |
An diesem Platz wurde früher das Olivenöl für die Herstellung der berühmten „Savon de Marseille“ (Seife aus Marseille) angeliefert, für uns gab es hier dagegen allerbestes Mittagessen. Beide entschieden wir uns für die „Formule du midi“, also das Mittagsmenü: Einmal mit Focaccia (mit Salat und Speck) als Vorspeise und Artischocken-Ravioli (Füllung, Sauce und Gemüse – alles Artischocke!) als Hauptgericht, und als zweite Variante Kabeljau mit Quinoa (und etwas Gemüsewürfelchen) zum Hauptgericht, sowie Schokotörtchen mit flüssigem Kern und Sahne zum krönenden Abschluss.
Anschließend flanierten wir um den Alten Hafen und stiegen an dessen gegenüberliegender Seite zu einer Aussichtsplattform hinauf, die tatsächlich einen sehr schönen Blick über den Hafen und die Altstadt bot.
Von hier war es dann nicht mehr weit zur Kathedrale von Marseille (Cathédrale la Major).
Wenn das Bauwerk mit seinen zweifarbig geringelten Mauern, zahlreichen Kuppeln und Mosaiken an Böden und Decken des Innenraums in meinen Augen fast byzantinisch anmutete, lag ich damit nicht wirklich falsch. Tatsächlich wurde die Kathedrale in ihrer heutigen Form - an der Stelle mehrerer bis ins 4./5. Jahrhundert zurückreichender Vorgänger - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in neoromanisch-byzantinischem Stil errichtet. Doch die ursprünglich geplante Ausgestaltung des Kircheninneren wurde offenbar nie ganz vollendet und später, wie so oft, mit Werken ganz anderer Stile ergänzt.
| Catédral la Major |
Unmittelbar beim Betreten des Kirchenraums überfiel einen die feucht-warme Innenluft, tatsächlich war es dort drinnen an diesem Tag wärmer als draußen. – Ziemlich ungewohnt für uns nördliche Mitteleuropäer, die wir in Kirchen eher auf Kühle oder gar eisige Kälte gefasst sind. Und ein deutlicher Hinweis, dass das Klima hier an der Mittelmeerküste sommers ein ganz anderes ist, als während unseres Besuchs im Herbst und bei Mistral …
Nach der Kirchenbesichtigung schlenderten wir durch das direkt angrenzende Viertel „Le Panier“, in dem es an allen Ecken und Enden Graffitis gab, was die Gegend sehr farbenfroh und relaxed erscheinen ließ. Offenbar haben sich die Bewohner des Viertels vor einiger Zeit darauf geeinigt, Graffitis nicht nur zu dulden, sondern sogar aktiv zu fördern. An einem der Gebäude konnten wir denn auch zwei Künstler bei der Arbeit beobachten, wobei sie zu der Zeit, die wir dort verbrachten, eher noch mit der Vorbereitung des Untergrunds, genauer dem Übermalen alter Graffitis beschäftigt waren.
| Le Panier - Graffitis und Touristen |
| Künstler bei der Arbeit |
Ein Abstecher brachte uns zum „Centre de la Vieille Charité“, heute ein Kulturzentrum und Museum, wo wir uns allerdings nur den kostenlos zugänglichen Kreuzgang besahen. Dann kehrten wir über die Stufen beim „Hôtel de Ville“ zum Hafen und unseren Rollern zurück.
Da wir eines der Wahrzeichen der Stadt, die Basilika „Notre Dame de la Garde“, nicht ganz links liegen lassen wollten, obwohl diese gerade eingerüstet und die Marienstatue auf der Kirchturmspitze unter einer unansehnlichen weißen Haube verborgen war, ging es nun zunächst mühsam rollernd oder schiebend auf den höchsten Hügel in Marseille-City.
Das Innere dieser Marienwallfahrtskirche für Seefahrer erwies sich aber zum Glück trotz der Renovierungsarbeiten als zugänglich. Die offenkundig im selben Stil gestaltete und nahezu zeitgleich mit der Kathedrale erbaute Basilika war angefüllt mit Danksagungstafeln und Schiffsmodellen verschiedenster Epochen. Und sogar das Ewige Licht hing dazu passend – etwas scheps – an drei Ankern.
Das Beste war hier oben jedoch der Blick von den Balkonen rund um die Basilika, die eine herrliche Aussichtswarte für Marseille und die ganze Umgebung darstellten.
| Panoramablick über Marseille nach Norden ... |
| ... nach Süden ... |
| ... und nach Osten |
| Ganz links das Palais du Pharo, etwas rechts der Bildmitte das Fort Saint-Jean an der Einfahrt des Vieux Port |
| Der Alte und der Fähr-Hafen, dazwischen die Kathedrale |
Die nun folgende Rückfahrt nach Sormiou wurde noch sehr abenteuerlich, da wir just im abendlichen Berufsverkehr auf teils stark befahrenen, abschüssigen Straßen unterwegs waren. Letztlich ging aber alles gut und gegen 19 Uhr liefen wir wieder bei dem Leclerc in der Nähe der Ferienwohnung ein, wo wir noch schnell fürs Abendessen und den folgenden Tag einkauften. Und dann mussten wir nur noch die letzten steilen Meter bis zu unserem hiesigen Heim auf Zeit hochschieben, wo wir endlich Vesper und Feierabend genießen und von den Strapazen des Tages ausruhen durften.
Mittwoch, 24.9. – Sormiou / La Cayolle, L’appartement Le Jardin Secret
Ja, was soll ich sagen – an diesem Morgen dachte ich noch, dass dies ein Tag mit kürzerem Programm werden würde, an dem wir dann vielleicht auch mal unsere Ferienwohnung und den Pool genießen könnten. Doch letztlich kam alles ganz anders …
Die Nächte waren in unserem „geheimen Garten“ bis dahin alle sehr ruhig gewesen und wir schliefen recht gut und daher gerne auch etwas länger. So wurde es auch diesmal gut halb neun bis wir uns aus den Decken schälten und gemütlich in den Tag starteten, offenbar beide in der irrigen Annahme, alle Zeit der Welt zu haben.
Der Plan war, heute über die „Montagne de Marseilleveyre“, den Höhenzug direkt hinter unserem Feriendomizil, bis zur Landspitze bei Les Goudes zu wandern. In einem der Restaurants des kleinen Hafenorts hofften wir, zu Mittag essen zu können, und den Rückweg auf einer Route näher am Meer eventuell mit einem kleinen Badestopp an der Calanque de Marseilleveyre zu verbinden. Wirklich genaue Angaben zu Dauer, Entfernungen und Höhenmetern waren leider nirgends aufzutreiben, doch Google veranschlagte für die einfache Strecke zwei Stunden, während unsere Vermieterin von drei Stunden gesprochen hatte. So oder so dachten wir, dass wir es locker bis 13.30 Uhr nach Les Goudes schaffen würden, wenn wir hier gegen 10.30 Uhr starteten …
Die erste Komplikation, die wir uns dann einbrockten, war, dass wir nicht denselben Einstieg in die Calanques nahmen wie am Montag. Der Abwechslung halber gingen wir diesmal stattdessen Richtung Col de Sormiou hinauf – erst durchs Wohngebiet, dann auf einem braun markierten Pfad parallel zur Straße. Noch vor dem Col, etwas oberhalb eines Klärwerks zweigten wir auf einen Wanderweg mit gelber Markierung ab, der sogleich überraschend steil und schottrig den Hang hoch führte und, um einen Felsklotz herum, in ein erstes Zwischental hinein, von dem man einen „tollen“ Blick auf die Kläranlage hatte … Dem folgte ein weiterer Aufstieg über den nächsten Hügelrücken und immer so fort.
Bis wir wieder so ungefähr auf der Höhe unserer Unterkunft waren, hatten wir dieses Spiel sicher schon drei bis vier Mal mitgemacht und uns so ganz allmählich von dem Gedanken verabschiedet, dass dies eine gemütliche Höhenwanderung werden würde … Weitere zwei Hügelüberquerungen brachten uns dann in den oberen Teil des Tals, durch das wir am Montag aufgestiegen waren. Hier stieß eine blaue Markierung zu unserer gelben, der wir etwas später, ab dem Col de la Selle schließlich exklusiv folgten.
| Auch an diesem Tag beeindruckt der Blick über Marseille. |
| Im Labyrinth aus Schluchten, Gipfeln und Pässen, sowie unzähligen Wegvarianten ist es extrem schwierig. den optimalen Pfad zu finden. |
Und hier begann es nun auch ernsthaft steil und felsig zu werden, nicht unangenehm zwar, nur leider oft arg dem heftig und kalt aus Westen pustenden Mistral ausgesetzt. Zudem hatten wir nicht damit gerechnet, über einen veritablen Gipfel geleitet zu werden, und vor allem ich zweifelte zunehmend an der Sinnhaftigkeit der ganzen Aktion, die sich immer mehr in die Länge zog. Außerdem glaubte ich noch immer, dass es doch auch einfachere und kürzere Wege an unser Ziel geben müsste. – Na ja, vielleicht sollte ich mir endlich einmal angewöhnen, die Karte vor einer Tour zu studieren, statt immer erst danach … Denn auf dieser lag klar erkennbar der Sommet de Marseilleveyre auf dem Weg nach Les Goudes.
Gut, dann eben ein Gipfel – zwar mit 432 m nicht wirklich spektakulär hoch, aber immerhin mit Kreuz. Lang verweilten wir dort allerdings nicht und folgten bald weiter unseren blauen Markierungen – vielleicht ein zweiter Fehler, denn dieser Pfad querte unbeirrbar immer die höchsten Punkte der jeweiligen Hügel-„Rippen“. Am Col des Chèvres holten uns nicht nur die Ausläufer einiger Regenschleier ein, die wir zuvor bereits über Marseille beobachtet hatten (letztlich fielen nur ein paar Tröpfchen), sondern auch der Zweifel.
Letzterer ließ uns spontan einer grünen Markierung folgen, die flott in ein Tal hinab leitete. Doch wenn wir uns anfangs freuten, nun eine bequemere Route gefunden zu haben, mussten wir nur allzu bald feststellen, dass wir uns arg getäuscht hatten: Plötzlich standen wir vor einem (gefühlt) senkrechten Felsabbruch, den wir uns nicht zutrauten, jedenfalls nicht im Abstieg, und mussten fluchend wieder die ganzen Höhenmeter plus zusätzliche auf der Fortsetzung unseres ursprünglichen Pfads hochkeuchen. Im Nachhinein wunderten wir uns, dass auf keiner Karte die betreffende Stelle als schwierig vermerkt war. Sollten wir hier also zu früh aufgegeben, bzw. den „richtigen“ Abstieg übersehen haben? – Wer weiß …
Inzwischen hatten wir unser 13.30 Uhr Zeitlimit bereits gerissen und uns schwante, dass wir es wohl noch nicht mal bis 14 Uhr, wenn nach unserer Kenntnis die letzten Restaurants schlossen, bis nach Les Goudes geschafft haben würden. – Und so kams dann leider auch. Aber was blieb uns anderes übrig, als trotzdem vollends dorthin zu marschieren. Unsere letzte Hoffnung war ein Restaurant (La Marine Des Goudes), das bis 15 Uhr geöffnet sein sollte, doch natürlich war man bereits um 14.15 Uhr „désolé“, weil in der Küche schon Feierabend sei …
Glücklicherweise hatten wir am Ortseingang die Bar „20 000 Lieues sous la bière“ passiert, die auf einer Tafel mit ganztägig warmer Küche warb. Hier gab es dann zwar nicht gerade Gourmetküche, aber in Anbetracht der Umstände völlig zufriedenstellende Fish & Chips bzw. Pizza Chèvre (mit Ziegenkäse). Bier (für das wir hier natürlich an der ersten Adresse waren 😉) bzw. Cola dazu und schon waren wir bereit für Teil zwei unserer Megarunde … fast jedenfalls. Meine Beine fühlten sich nach der Pause anfangs unendlich schwer an und die Zehen meckerten besonders – vielleicht eine Folge des ungewohnten Rollerns tags zuvor?
| Die hat's gut ... |
Noch eine kurze Anmerkung zu der Bar: unsere Vermieterin erzählte uns anderntags, dass diese während der Corona-Zeit Hochkonjunktur hatte, weil man auf der geräumigen Terrasse über dem Meer auch zu der Zeit sein Bier trinken und Pizza essen konnte, als die Restaurants sonst alle geschlossen haben mussten. Im Übrigen war auch an diesem Mittwochnachmittag erstaunlich viel los dort, allerdings diesmal nur drin, draußen wäre es durch den Mistral denn doch arg ungemütlich gewesen.
Anfangs ging es nun also längere Zeit in sanftem Auf und Ab entlang der Küste bis zur Calanque de Marseilleveyre, wo das Baden allerdings zum einen wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit entfiel, zum anderen, weil ausgerechnet diese Bucht kein bisschen windgeschützt war und es fürchterlich zog. Also weiter und nun zog der Pfad bald wieder an und es ging durch die zerklüfteten Felsen hinauf, letztlich zum Col de Cortiou.
Bis wir diesen erreichten, ging es aber noch viele Male auf und ab, so dass wir das Abendlicht auf den Inseln und den Felsen der Calanques so richtig auskosten konnten – eher mehr, als uns lieb gewesen wäre. Den Col de Cortiou hatten wir schon am Montag auf dem Weg zur Calanque de Sormiou überquert, so ging es ab da auf bekanntem Weg zum Col de Sormiou hinab.
Die Sonne stand schon tief, als wir schließlich wieder auf dem braun markierten Pfad entlang der Straße bergab humpelten. Zuletzt noch durchs Wohnviertel hinauf und nach insgesamt fast neun Stunden, gut 20 Kilometern und je nach Geschmack 1300 (Tracking meiner Uhr), 1000 (Strava) oder 800 Höhenmetern (Komoot) erreichten wir endlich wieder unser Feriendomizil.
Und noch eine Anmerkung: Im Rother-Wanderführer (Côte d’Azur, uralte Ausgabe) und diversen anderen Tourenberichten ist eine (mal wieder grün markierte) Variante unseres Rückwegs über die Corniche du Pêcheur beschrieben, die teils recht ausgesetzt und „technisch“ an der Steilküste entlang führe. Diese wurde mittlerweile wegen Absturzgefahr offiziell gesperrt. Mehrere Schilder am Weg wiesen darauf hin.
Côte d’Azur
Donnerstag, 25.9. – Saint-Cyr-sur-Mer, Camping du Port d’Alon
Und nun mussten wir von unserer bequemen Ferienwohnung bei Marseille schon wieder Abschied nehmen. Die drei Tage / vier Nächte dort waren wie im Flug vergangen – kein Wunder, waren sie doch jeweils bis zum Anschlag vollgepackt.
Die letzte Nacht dort war für mich leider nicht mehr so erholsam, irgendwie kam ich trotz aller Müdigkeit nicht zur Ruhe. Dabei war es in der Umgebung wieder komplett still, bis am frühen Morgen dann eine Kehrmaschine lautstark ihre Runden durchs Viertel zog. – Aber geschenkt!
Noch einmal frühstückten wir spät und gemütlich, verabredeten (per Whatsapp …) mit der Vermieterin, dass wir spätestens gegen elf abreisen würden, suchten unseren Kram zusammen und packten. Zuletzt warfen wir doch noch einen Blick auf den Pool im Garten.
Diesen zu benutzen, dazu war es ja nun nicht gekommen … Der Abschied von Vermieterin Marion fiel dann genauso herzlich aus wie der Empfang ein paar Tage zuvor.
Mit dem Auto rollten wir anschließend in einer guten halben Stunde nach Cassis. Im Internet waren viele Klagen über die Parksituation rund um die Ortschaft zu lesen, auf den zentrumsnahen Plätzen habe man keine Chance, eine Parklücke zu finden. Doch Marion hatte uns beruhigt, dass dies nur in der Hochsaison im Juli / August gelte, und so war es dann auch: Der Parkplatz, den wir ansteuerten, war um halb zwölf noch dreiviertel leer, lediglich die raren Schattenplätze waren schon fast vollständig belegt.
Leider gab es keine gangbare Verbindung von dem kleinen Strand gleich unterhalb des Parkplatzes zum Hafen. Und auch der Weg über die Burg (Château de Cassis, heute ein Hotel) wäre eine Sackgasse gewesen, so landeten wir letztlich doch wieder auf der Fahrstraße, die ins Ortszentrum hinabführte. Weit war es allerdings nicht, nach zehn Minuten standen wir bereits am Hafen und damit mitten im historischen Zentrum.
| Am Hafen von Cassis |
Nach ein paar Fotos entschieden wir uns, gleich nach einem Restaurant Ausschau zu halten. Das Angebot war, wie in einem Touristen-Hotspot nicht anders zu erwarten, sehr reichlich. Nach ein paar Irrwegen durch die Altstadtgassen und der Feststellung, dass ausgerechnet unsere erste Wahl entgegen den Angaben bei Google geschlossen hatte, landeten wir im Restaurant „Le Bonaparte“ und jeweils bei einem Dreigang-Menu für 35 €, das uns eine Stunde später zufrieden und sehr satt weiterziehen ließ.
Günter wusste noch von einem weiteren Hafen, der in der nächsten Calanque westlich von Cassis sein sollte, dem Yachthafen „Port Miou“. So ging es durch die besseren Viertel von Cassis Richtung „Presque’île“ (Halbinsel) hinauf, anschließend an der Abbruchkante zur Calanque de Port-Miou entlang, auf der Suche nach dem besten Fotospot für den wirklich sehr hübsch gelegenen langgestreckten Hafen.
Auf dem Rückweg kletterten wir auf der östlichen Seite der Landspitze so lang wie möglich über die Felsen direkt am Meer, ehe wir schließlich doch wieder zur Straße hinaufsteigen mussten. Zurück in Cassis gönnten wir uns noch ein Eis und natürlich musste es bei mir die Sorte „Cassis“ (also Schwarze Johannisbeere) sein, obwohl der entsprechende Behälter in der Eisdiele am Hafen schon nahezu leergelöffelt war – ganz offensichtlich nicht nur für mich eine naheliegende Wahl …
Der Parkscheinautomat wollte dann mit 9,60 € gefüttert werden, ehe wir uns mit den „Max“ auf die Route des Crêtes begeben konnten, die über die Falaises (=Klippen) de Cassis mit ihren rötlichen Felsen verläuft. Am Cap Canaille rollten wir vorbei, doch vom höchsten Punkt der Straße brachte uns ein kurzer 600 m-Spaziergang noch zum Aussichtspunkt beim „Semaphore du Bec de l’Aigle“. Der Leuchtturm selbst war alles andere als sehenswert, doch der Blick hinüber nach Cassis, auf die Calanques und bis zum Cap Croisette, der Landspitze bei Les Goudes, auf der einen Seite und die Côte d'Azur auf der anderen lohnte dafür umso mehr.
| Ausblick auf die Côte d'Azur |
| Rückblick zu den Calanques |
| Tiefblick hinab zum Bec de l'Aigle |
Von der Route des Crêtes ging es dann hinab nach La Ciotat, etwas mühsam einen Stau vermeidend durch dieses hindurch und weiter nach Saint-Cyr-sur-Mer. Dort steuerten wir noch für einen kleinen Einkauf den Spar an, ehe wir zum schon vor Tagen für zwei Nächte reservierten, ziemlich kleinen, ziemlich vollen und nahezu ausschließlich von Deutschen besiedelten Campingplatz hinabrollten. Das Reservieren war also sicher kein Fehler gewesen, doch angesichts der dichten Belegung waren wir sehr gespannt, wie glücklich wir hier werden würden …
Freitag, 26.9. – Saint-Cyr-sur-Mer, Camping du Port d’Alon
Die erste Nacht auf dem Camping du Port d’Alon war dann wider Erwarten völlig in Ordnung. Die Sonne erreichte den Platz sehr spät und, da es nachts schon eher kalt als nur kühl war (angeblich 9°C, gefühlt deutlich darunter …), hielt sich die Motivation zum Aufstehen lange sehr in Grenzen. So war neun Uhr bereits vorbei, als wir uns so langsam ans Frühstücken machten. Unsere Pläne für diesen Tag waren jedoch von vorne weg sehr übersichtlich und für den ersten Programmpunkt „Spaziergang zum nahen Strand mit anschließendem Schwimmen bzw. Schnorcheln im Meer“ durfte es sowieso noch etwas wärmer werden.
Beim Frühstück im Aufbau lief noch eine ganze Zeit der Heizlüfter, was irgendwie absurd anmutete, wenn wir daran dachten, dass wir später Baden gehen wollten. Trotzdem schulterte Günter dann gegen elf die wasserdichte Reisetasche mit allem Bade- und Schnorchel-Equipment, sowie einer Flasche Wasser, während ich lediglich mein Handy mitnahm … Aber der Weg zu der Badebucht sollte auch nur 10 Minuten dauern, so dachten wir beide, dass er sich damit schon keinen Bruch heben würde. 😉
An sich gab es in der Nähe des Campingplatzes nur einen offiziellen Badestrand an der Calanque de Port d’Alon. Günter plädierte jedoch dafür, die „Plage de la Galère“ anzusteuern, obwohl diese eigentlich wegen Steinschlaggefahr gesperrt war und mehrere Schilder am Weg unmissverständlich darauf hinwiesen.
Dass es dort ein Steinschlagproblem gab, war dann unmittelbar einsichtig, so steil und bröslig wie die Felsen über dem ansonsten einladenden Kiesstrand aufragten. So blieben wir lieber ganz am Rand der Bucht und setzten uns unter einen Felsvorsprung, der stabil genug wirkte. Günter schnorchelte gleich eine Runde im offenbar recht erfrischenden, klaren Wasser, berichtete anschließend aber, dass die Fische hier total scheu gewesen seien und seine Fotoausbeute wohl dementsprechend mau ausfiele.
Als ich mit Schwimmen an der Reihe war, kam mir das Wasser im Grunde gar nicht so fürchterlich kalt vor. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase fand ich es sogar recht angenehm und schwamm ein ganzes Stück gegen die Wellen hinaus. Beim Zurückschwimmen tauchte plötzlich vielleicht 1-2 Meter neben mir ein Kormoran auf, der sich von mir nicht gestört zu fühlen schien und erst wegflog, als das Gummipaddelboot (ein Schlauchkanadier), dessen zweiköpfige Besatzung zuvor am Strand Brotzeit gemacht hatte, auf seiner anderen Seite vorüberrauschte.
Nach und nach trudelten noch andere Unerschrockene ein, so z.B. ein jüngerer Mann mit einem sehr schwimmfreudigen Hund, sowie ein junges Pärchen. Wie wir angesichts der Rezensionen im Internet schon vermutet hatten, bekam dieser Strand mit seinem markanten „gestrandeten U-Boot“, einer vorgelagerten Felsformation, die tatsächlich als „Le Sous Marin“ in der Google-Karte vermerkt ist, offenbar trotz aller Verbote häufig Besuch.
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| Schwimmhund |
Zum Mittagessen kehrten wir auf den nun nahezu ausgestorbenen Campingplatz zurück und verspeisten zu den Resten des alten und ganz alten Brots Räucherschinken und Käse. Butter hatten wir beim Einkauf tags zuvor erstanden, Olivenöl von zuhause mitgebracht und auch die Kirschtomaten trugen das ihre zu Geschmack und Saftigkeit bei, so fiel das Mahl nicht ganz so trocken aus wie zunächst befürchtet. Kühl war es hier allerdings noch immer, da die Sonne längst nicht mehr durchgehend schien.
Auch beim Baden war es schon ein Problem gewesen, dass man hinterher außerhalb des Wassers fröstelte, so man nicht in der prallen Sonne saß. Nach der Mittagspause stimmte ich daher dagegen, die Badesachen für die Kurzwanderung auf dem „Sentier Littoral“ entlang der Küste Richtung Saint-Cyr-sur-Mer noch einmal einzupacken.
In der Fortsetzung der Straße, die direkt am Campingplatz vorbeiführte und wenig später in eine Schlammpiste überging – zum Glück nur für ein paar Meter, danach war sie wieder trocken-kiesig – ging es dann zunächst zur Calanque du Port d’Alon hinab. An die hübsche Kiesbucht mit ein wenig Sand an der Wasserlinie und einem Bar-Restaurant, sowie WCs für die Badegäste strömten diese jetzt, am Freitagnachmittag, recht zahlreich. Unser Weg dorthin führte über den großen und schattigen Waldparkplatz, der sich ebenfalls gerade zusehends füllte.
Nach der Badebucht stieg der Küstenpfad gleich kräftig an und, zunächst noch im Wald, später mehrheitlich durch niedriges Gebüsch häufig der kratzigen Sorte, ging es über Stock und Stein bergauf und bergab. Mit der Zeit rückten von rechts die Zäune der geschlossenen Luxus-Wohnsiedlung „Le Port d’Alon“ immer näher. Häufig blieb für die Wanderer nur noch ein schmaler Pfad, der höchstens leidlich vom Gebüsch freigeschnitten war. Betrieb war hier allerdings gar nicht mal so wenig. Der Küstenwanderweg schien bei Spaziergängern, Tages- oder Halbtageswanderern, Badewilligen und Weitwanderern gleichermaßen beliebt zu sein.
Nach einer ersten kurzen Rast am Aussichtspunkt der „Pointe du Défens“ entschieden wir, noch bis zur nächsten Bucht, einer weiteren Bademöglichkeit am „Sentier Littoral“, weiterzugehen. Hier rasteten wir noch einmal auf den Felsen, ehe wir auf derselben Strecke zum Campingplatz zurückkehrten. Dort angekommen genoss ich eine Dusche, während Günter das „gute“ Meersalz lieber auf seiner Haut behielt …
| Abends am Strand in der Calanque du Port d'Alon |
Anschließend begaben wir uns zum einzigen fußläufig erreichbaren Restaurant (außer der Strandbar, die abends allerdings geschlossen hatte), dem „Cœur d’Alon“, gerade mal vier Fußminuten entfernt. Zur reservierten Uhrzeit dort zu sein, schafften wir von daher locker und waren dann sowieso mal wieder die ersten Gäste. Im Lauf der Zeit trudelten allerdings noch einige weitere ein, teils auch vom Campingplatz. Diesmal entschieden wir uns für einen Platz im Inneren des Restaurants, doch außer einem weiteren Paar setzten sich tatsächlich alle anderen Gäste trotz der Kühle nach draußen.
Fish & Chips gab es für mich mal wieder und ging völlig in Ordnung, obwohl der Salat kaum angemacht und der Teller leider zu klein für das alles war. Günters Flanksteak (Bavette) kam typisch französisch auf den Tisch, also innen noch sehr roh und außen ziemlich schwarz, und war eher schwierig zu genießen. Da wir uns wieder alles teilten, kam auch ich in den „Genuss“, mit dem Fleischstück zu kämpfen, und mit der Zeit fanden wir heraus, dass es leichter zu verspeisen war, wenn man es erst entlang der Faser in Streifen schnitt und dann quer dazu in mundgerechte Stücke. Das dazugehörige Ratatouille-Gemüse leistete dagegen keinerlei Widerstand und schmeckte ganz hervorragend.
Im Grunde hatte ich nicht allzu viel von dem Schuppen erwartet, der hauptsächlich als Burgerladen und Bar firmierte, und war alles in allem positiv überrascht. Und der Kellner war wirklich ausgesucht höflich und freundlich bemüht.
Samstag, 27.9. – Saint-Zacharie, Camping la Gantesse
Die zweite Nacht in Saint-Cyr-sur-Mer war dann ebenfalls recht ruhig, insgesamt hatte sich die Zahl der Camper auf dem Platz schon deutlich reduziert, vielleicht im Hinblick darauf, dass dieser seine Tore nach dem Wochenende für die Saison schließen würde. Morgens um sieben musste ich mal kurz raus und stellte fest, dass es bei den Nachbarn bereits nach Kaffee duftete. Wenig später kam dann die Müllabfuhr angerumpelt und verbreitete einige Minuten lang großes Getöse. Doch dann war es wieder ruhig bis wir gegen acht so langsam selbst in die Gänge kamen.
Sonne war an diesem Morgen nicht zu erwarten, an der Küste war es großflächig leicht bewölkt und eher kühl. Für den wieder einmal fälligen Einkauf landeten wir dann trotz anderer Intentionen zum zweiten Mal bei dem kleinen Spar, den wir auch schon zwei Tage zuvor beehrt hatten. Letztlich gab es dort aber alles, was wir brauchten, und vielleicht hatten wir unsere Einkäufe sogar schneller eingesammelt und bezahlt, als im großen Intermarché ein paar Ecken weiter.
Auf der Autobahn ging es dann erst nach Westen, dann in nördlicher Richtung an dem kleinen Gebirgszug vorbei, auf den wir später wandern wollten, dem Massif de la Sainte-Baume. Bei einer Verzweigung passten dann die Beschilderung und die Angaben des Google-Navi nicht recht zusammen und prompt lotste ich Günter in die falsche Richtung … Immerhin kam die nächste Abfahrt bereits nach gut 2 km und anschließend gelangten wir trotz der Ehrenrunde ohne große Verzögerungen an unser Ziel, wenn auch gegen Ende auf kleinen, sehr kurvigen Straßen.
Dieses, die „Hostellerie de la Sainte Baume“ ist offenbar das Beherbergungsgebäude für Pilger, die zu der Wallfahrtskirche bzw. -Grotte oben am Berg kommen und übernachten wollen. Allerdings reisen wohl die meisten heute mit dem eigenen PKW an, weshalb es dort auch riesige Parkplätze gibt, die gegen Mittag, als wir dort ankamen, überraschend voll waren. Damit hatten wir nicht wirklich gerechnet, aber klar, es war Wochenende und das Wetter zum Wandern nahezu perfekt.
| Vorn die Hostellerie de la Sainte Baume, ganz hinten links das Croix de Provence, das wir im Herbst 2024 besuchten. |
Nachdem wir mit etwas Mühe einen passenden Platz für den „Max“ gefunden hatten, vesperten wir gleich noch auf der Ladeklappe, ehe wir uns in den Strom der Wallfahrer und Wanderer einreihten. Tatsächlich kam uns einmal eine Gruppe Rosenkranz betender Französinnen entgegen und an einer anderen Stelle trafen wir auf eine deutsche Gruppe, alle mit Rosen in den Händen, von denen ich vermutete, dass es sich um eine Trauergruppe handelte. Den Abstecher zur Grotte, die Maria Magdalena geweiht ist und sogar eine Reliquie der Heiligen beherbergt, ließen wir uns denn doch nicht entgehen, obwohl wir letztlich eher an der Landschaft, als am Heiligtum interessiert waren. Berührend fand ich hier insbesondere eine Wand im Untergeschoss der Grottenkirche mit den Namen unzähliger verstorbener Kinder.
| Eindrücke ... |
| ... aus der Grottenkirche des ... |
| ... Sanctuaire de la Sainte Baume |
Nach der Besichtigung ging es für uns weiter Richtung Col du Saint-Pilon, noch immer im Pilgerstrom, denn oberhalb des Passes gibt es noch eine Kapelle, die Chapelle du Saint-Pilon. Diese ließen wir allerdings rechts liegen und wandten uns am Col nach links. Nach einer Trinkpause auf einem Felsen direkt am Abgrund wanderten wir weiter am Grat aufwärts und erreichten nach einer guten halben Stunde den „Jouc de l’Aigle“, 1148m, einen der beiden höchsten Punkte des Gebirgszuges (der Pic de Bertagne am westlichen Ende ist genauso hoch).
Kurz vor dem Gipfel durfte ganz leicht geklettert werden, was zwei junge Frauen, die zusammen mit einem jungen Mann ebenfalls gerade hier angekommen waren, schon zu überfordern schien. Deshalb wunderten wir uns umso mehr, als sie wenig später einem nicht markierten Abstieg zustrebten, den wir uns auch überlegten, von dem wir aber vermuteten, dass er mit Sicherheit über einige Steilstellen führen würde, die dem Gipfelaufbau in nichts nachstanden.
Ehe wir uns konkretere Gedanken zum Abstieg machten, genossen wir aber erst noch die Aussicht: im Süden lag uns das Mittelmeer zu Füßen (und davor unüberhörbar und auch nicht zu übersehen eine Rennstrecke …) und im Norden konnten wir u.a. den Gebirgszug mit dem Croix de Provence ausmachen, wo wir ein Jahr zuvor gewandert waren.
Den unmarkierten Abstieg testeten wir dann an, allerdings kamen uns die drei vom Gipfel schon wieder entgegen, da sie offenbar doch Bedenken bekommen hatten. Eine andere Wandergruppe (mit Hund) schien jedoch wild entschlossen, dort abzusteigen. Angesichts der Mühe, die auch sie schon ganz zu Anfang offensichtlich hatten, beschlossen wir dann, lieber wieder auf dem Herweg zurückzuwandern. Etwas unterhalb der Grotte folgten wir dabei doch noch einem explizit ausgekreuzten, aber zunächst gut erhaltenen Weg nach Westen. Die anschließende Verbindung zum Parkplatz bei der Hostellerie war dann zwar etwas weniger gepflegt und an beiden Enden sogar provisorisch mit einem Zäunchen abgesperrt, das allerdings leicht zu umgehen war (und wohl auch öfter wurde …).
Im Tal tobten mittlerweile große „Mittelalterspiele“, an denen Unmassen an Pfadfinder*innen beteiligt waren, die vermutlich übers Wochenende die Hostellerie belegten.
Mit dem Auto ging es nun auf einer wiederum sehr kurvigen und engen Strecke nach Saint-Zacharie hinab, durch die Ortschaft hindurch und zum Campingplatz, der ein ganzes Stück außerhalb lag und nur über einen schmalen Feldweg zu erreichen war. Günter reservierte gleich nach unserer Ankunft dort via Internet im Restaurant „L’Epic’Curien“, das schon vom Namen und den geschraubten „Titeln“ der Speisen (und natürlich den Preisen) her sehr gehoben klang. 19.30 Uhr war die früheste buchbare Zeit, doch, hungrig wie wir waren, hofften wir, auch bereits um 19 Uhr willkommen zu sein und machten uns sogleich wieder mit dem Auto auf den Weg ins Dorf. Leider wurden wir dann zunächst abgewiesen, weil man hier wirklich erst um 19.30 Uhr öffnete …
Also spazierten wir – im Schweinsgalopp, weil es nun doch schon recht frisch geworden war – einmal um die Ortschaft, dabei stolperte ich an einer praktisch nicht vorhandenen Treppenstufe (eine dieser Treppen, wie es sie öfter am Rand von Plätzen in Hanglage gibt, deren Stufen auf einer Seite ganz niedrig anfangen und erst Richtung Mitte allmählich auf ihre endgültige Höhe anwachsen) und verknackste mir den linken großen Zeh …
Eine Weile humpelten wir noch durch Saint-Zacharie, konnten aber nichts wirklich Sehenswertes entdecken. Von daher liefen wir pünktlichst wieder beim Restaurant ein, wurden vom Kellner diesmal zu unserem Tisch geleitet und durften versuchen, uns einen Reim auf die Speisekarte zu machen.
Vorneweg kam gleich mal ein Gruß aus der Küche, dessen Zusammensetzung sich uns jedoch leider nicht erschloss und auch nicht erklärt wurde. Günter entschied sich dann für Kalb, ich für Wolfsbarschfilet, das in drei geflochtenen Streifen und mit Currypulver gewürzt serviert wurde, dazu Schalotten-Confit und Belugalinsen. Da die Mengen, wie hier nicht anders zu erwarten, eher übersichtlich ausfielen, leisteten wir uns anschließend noch zwei Nachspeisen, die wir dann allerdings eher schräg fanden: Profiteroles, also Windbeutel, mit Trüffel (dem Pilz, kein Sahnetrüffel …) sowie in Erdnussform gepresstes Erdnusseis, beides derart fetthaltig, dass ich um ein Haar vorzeitig hätte kapitulieren müssen.
Trotz dieser kleinen Abstriche war das Essen hier jedoch alles in allem eine willkommene Abwechslung zur sonst üblichen Restaurantkost. Mit meinem Hauptgericht war ich völlig glücklich und auch Günters Kalb war sehr zart und die Kartoffelrolle, die Pfeffersauce – hat alles gepasst! Aber das durfte es für 134 € ja auch …
Sonntag, 28.9. – Camping La Tour Fondue – Prèsque’île de Giens (Hyères)
Die Nacht bei Saint-Zacharie war ruhig und kühl, aber leider schon um 6.35 Uhr vorüber (jedenfalls für mich, ohne Ohrstöpsel), weil die beiden Franzosen im Zelt nebenan um diese Zeit zu wurschteln anfingen. Anfangs hoffte ich noch, dass sie bald wegfahren würden, aber letztlich laberten und klapperten sie bis um acht, bis alle anderen ebenfalls in den Tag starteten …
Auf die Sonne konnten wir auch hier wieder nicht warten, selbst als sie irgendwann zwischen neun und zehn den Schatten vom Großteil des Platzes vertrieben hatte, blieb uns dieser weiter erhalten. So warfen wir morgens wieder einmal den Heizlüfter an, Strom hatten wir ja dazugebucht. Bezahlt hatte Günter im Übrigen schon bei der Buchung via Internet, so entfiel diesmal der sonst übliche Ausflug zur Rezeption vor unserer Abreise.
Bei mäßig sonnigem und nach wie vor kühlem Wetter (anfangs gerade mal 14°C) ging es auf diversen Routes départementales und zuletzt noch auf der Autobahn Richtung Küste und Hyères. Bei der offenbar äußerst beliebten „Boulangerie l’Atelier“ am Rand von Hyères, die quasi direkt an unserer Strecke lag, musste Günter dann unerfreulich lang anstehen, um ein Baguette zu erstehen, das wir zu allem Überfluss am Ende doch erst abends und schon halb „lätschet“ verspeisten ...
An der Rue du Sel, der Verbindung zur Prèsque’île de Giens stoppten wir zunächst am „Observatoire ornithologique“ bei den Salinen (Salins des Pesquiers). Was sich so großartig anhörte, stellte sich leider als ziemlich übersichtliche Vogelbeobachtungsplattform heraus, die zudem, da sie in weitem Umkreis die einzige „Deckung“ bot, ganz offensichtlich häufig als WC-Ersatz herhalten musste. Immerhin stolzierten in gebührender Entfernung ein paar Flamingos herum und konnten wir hier halbwegs in Ruhe das „Pain suisse“, eine Art Riesen-Schokocroissant, genießen, das Günter in der Bäckerei „für gleich“ gekauft hatte.
| Flamingos in den Salins des Pesquiers |
Beim zweiten Halt auf der anderen Seite des schmalen Verbindungsstücks zum Festland war vor der eigens dafür ausgewiesenen Zone des Strands leider kein einziger Kite- oder Windsurfer zu sehen. Es gab aber an diesem Vormittag auch einfach zu wenig Wind dafür.
Bei dem eher trüben und sich zum Nachmittag noch stärker eintrübenden Wetter bot auch die Landschaft wenig lohnende Fotomotive, so fuhren wir bald nach Giens weiter und parkten auf dem unteren Parkplatz der Ortschaft, auf den immerhin Fahrzeuge bis 2,10 m Höhe fahren konnten, während die 1,90m-Barriere des oberen für den „Max“ tatsächlich mal zu niedrig angebracht war. Ehe wir uns auf den schattigen Platz stellen durften, der uns da noch erstrebenswert erschien – gerade schien tatsächlich nahezu die Sonne und mit 22°C war es fast „heiß“ – half Günter noch einem Paar aus Rostock dabei, ihren Wohnanhänger aus der Parkbucht zu schieben. Dann marschierten wir ins Dorf hinauf, in dem es an Restaurants keinen Mangel gab.
Schon beim ersten Versuch im „La Jeanette“ hatten wir Glück; zwar gab es nur noch einen Tisch drinnen und warnte man uns, dass wir eventuell länger würden warten müssen (bis zu 30 Minuten!), doch letztlich kam das Essen sogar erstaunlich schnell auf den Tisch. Allerdings waren wir auch beim Bestellen flott gewesen, hatten uns flugs auf zwei Fischgerichte geeinigt und konnten diese gleich mit den Getränken mitordern. Fischravioli in Sahnesauce und Roter Tunfisch mit Reis und Puttanesca-Sauce (Tomatensauce mit Kapern), jeweils noch mit einem Stück Zucchini und Möhre – war alles gut, mal was anderes und nicht übertrieben viel.
Satt waren wir trotzdem und verzichteten daher auf ein Dessert – das hatten wir ja quasi schon als Vorspeise beim Flamingos-Gucken gehabt. Noch eine kurze, wenig ergiebige Runde durch Giens, dann spazierten wir wieder zum Parkplatz hinab, vorbei an den Boule-Plätzen, auf denen offenkundig gerade ein Turnier im Gange war.
Als nächstes ging es nun auf Campingplatzsuche, denn im Voraus zu buchen oder zu reservieren war beim „Camping Olbia“, den wir uns für diese Gegend ausgesucht hatten, nicht möglich gewesen. Wie befürchtet war dieser dann schon voll, ebenso der zweite, den wir probierten, der „Camping International“. So folgten wir letztlich der Empfehlung, die Günter an der Rezeption des „Olbia“ erhalten hatte, und landeten auf dem „Camping La Tour Fondue“ im Südosten der Halbinsel.
Ursprünglich hatten wir für den folgenden Tag ganz im Westen, im „Parc national de Port Cros“, eine Wanderung geplant und vom „Camping Olbia“ aus hätte man zu dieser direkt zu Fuß starten können. Doch auch jetzt wollten wir das Auto anderntags möglichst stehen lassen, so disponierten wir um und beschlossen, auf die Insel Porquerolles zu schippern, denn praktischerweise lag hier nun der Fähranleger für diese unmittelbar nebenan.
Dieser Campingplatz war riesig und trotzdem recht voll belegt, dem Vernehmen nach hauptsächlich mit Deutschen, Schweizern, Franzosen. Duschen und Toiletten gab es zuhauf, wobei jeder Gast für die Duschen an der Rezeption ein Armband ausgehändigt bekam, mit dem man den Armaturen zweimal pro Tag für je 7 Minuten warmes Wasser entlocken konnte, ein Limit, das mit Sicherheit nur notorische Dauerduscher*innen schrecken kann …
Am späten Nachmittag spazierten wir noch ein Stück an der Küste entlang, wobei der markierte Pfad anfangs durch einige kleine Buchten führte, die fast immer mit Holzstegen überbrückt waren, nur einmal gings direkt an der Wasserlinie über nasse, sandige Felsen.
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| An der Südostküste der Presque'île de Giens |
Anschließend führte der Wanderweg durch eine Ferienanlage, in der gerade irgendwelche Fitness-Animationsprogramme liefen, z.B. tanzten zwei oder drei Gruppen mitten auf dem Weg … An der Plage de la Baume verließen wir die Küstenlinie und kehrten quer über die Halbinsel auf unmarkiertem, etwas wildem Pfad zum Campingplatz zurück, wobei wir uns noch einmal in der eben erwähnten Ferienwohnanlage wiederfanden, aus der wir zum Glück durch einen offenen Fußgängerausgang entschlüpfen konnten.
Montag, 29.9. – La Tour Fondue, Camping
Die erste Nacht auf dem Camping La Tour Fondue war letztlich ganz ok, wenn wir auch unmittelbar nach dem Zubettgehen gleich mal beide die Ohrstöpsel in unsere Ohren schraubten. Abgesehen davon, dass einige unmittelbare Nachbarn sich noch munter unterhielten, tönte vermutlich von besagter Ferienwohnanlage noch lautstarke Musik, Anfeuerungsrufe und schräger Gesang (Karaoke?) herüber … Irgendwann nach Mitternacht muss es dann doch ein Ende gefunden haben, denn als ich in den frühen Morgenstunden mal zum WC musste, war alles still.
Während es nachts noch teils bewölkt war, hatte es bis zum Morgen komplett aufgeklart und uns erwartete ein perfekter Tag für den geplanten Ausflug zur Insel Porquerolles. Da der Platz trotz noch fehlender Besonnung zwischen sieben und acht so langsam erwachte, kamen auch wir rechtzeitig aus den Federn, um die 10 Uhr-Fähre zur Insel zu erwischen. Sogar dafür, davor noch Brot und etwas arg künstlich rosa eingefärbte Salamischeiben im Campingplatzladen zu erstehen, reichte die Zeit. Andernfalls wäre es allerdings auch kein Problem gewesen, da es auf Porquerolles, wie wir später feststellten, sowieso alles zu kaufen gab …
Die Fährtickets hatte Günter schon am Vorabend übers Internet erworben, so brauchten wir uns nur, nach einer extrem laxen „Sicherheitskontrolle“, in die Schlange der Wartenden einzureihen und unseren QR-Code am Handy vorzuzeigen. Das Schiff fuhr dann mit etwas Verspätung los, doch dauerte die Überfahrt lediglich 10 Minuten, so konnte der Marsch über die Insel schon bald beginnen. Diese komplett zu umrunden, wie im Rother-Wanderführer Côte d’Azur (unsere uralte Ausgabe von 1998) beschrieben, kam uns denn doch etwas zu ehrgeizig vor. 20 km wären das alles in allem gewesen und diesmal mussten wir ja auch sehen, dass zum einen noch Zeit zum Baden und Schnorcheln blieb und wir zum anderen spätestens für die letzte Fähre um 17.30 Uhr wieder am Hafen waren.
| Fährüberfahrt nach Porquerolles |
| Beim Einlaufen in den Inselhafen |
So konzentrierten wir uns auf den Westteil der Insel und überquerten diesen als erstes bis zu einem Aussichtspunkt beim „Phare de Porquerolles“. Aussicht gabs hier im Wesentlichen aufs Meer und Tiefblicke von der schroffen Steilküste auf die Felsen unterhalb. Da ein hoher Prozentsatz der Tagesausflügler den Empfehlungen folgte, die allenthalben (sogar schon in unserem alten Rother) zu finden waren, dass man auf der praktisch autofreien Insel unbedingt ein Rad (heute meist ein E-Bike) leihen solle, herrschte auf den breiteren Wegen oft dichter Verkehr.
Von daher versuchten wir von Anfang an, eher kleine Wege zu finden. Gerade an der Nordwestküste waren denn auch viele Pfade zum Glück für Radfahrer gesperrt, so zum Beispiel der Weg zu den Gorges du Loup, den wir als nächstes einschlugen. Allerdings verlief der Wanderweg hier wider Erwarten nicht durchgehend am Rand der Steilküste, sondern kehrte zwischenzeitlich immer mal wieder in den Wald im Inselinneren zurück. Eine Abkürzung, die uns und offenbar auch anderen Wanderern sehr zupass gekommen wäre, war zwar noch als „voie abandonée“ in den Karten eingezeichnet, stellte sich jedoch leider als völlig überwuchert und nicht mehr nutzbar heraus.
Doch das Wandern im Schatten des Waldes war an diesem sonnigen und mit der Zeit tatsächlich sommerlich warmen Tag im Grunde sehr angenehm. Einziger Wermutstropfen waren die Mücken, die bei nahezu nicht vorhandenem Wind in Horden über uns herfielen. Vor allem ich war allmählich völlig zerstochen! Und Günter stellte fest, dass er das Anti-Mückenmittel wohl in Marseille aus seinem Rucksack genommen und dann vergessen hatte, es wieder einzupacken …
An den Gorges du Loup beschlossen wir, dem Beispiel mehrerer anderer Wanderer folgend, bis fast zum Wasser abzusteigen und hier erst mal gemütlich zu vespern. Und weil in der Zwischenzeit eine Frau zum Schnorcheln ins – ihrem Gebaren nach eisige – Meer gesprungen war, dachten wir uns, das machen wir auch! Bis zur Calanque du Brégançonnet, einer kleinen Badebucht mit Kiesstrand, die wir ursprünglich dafür im Visier hatten, wären es noch einmal gut zwei Kilometer Fußmarsch gewesen. Zudem gab es hier, am Fuß der scharfkantigen Schieferfelsen, praktischerweise eine ebene, mit weichen Algen bewachsene Einstiegsstufe.
Angesichts des scheinbar so „erfrischenden“ Wassers ließ ich Günter gerne den Vortritt und er stürzte sich als erster ins Meer, das hier so absolut klar war, dass man die Fische schon vom Ufer aus vorbeischwimmen sah. Und auch oberhalb der Wasserlinie gab es Interessantes zu beobachten: wenn uns nicht alles täuschte, schwirrte hier ein Eisvogel um die Steilküste!
| Gorges du Loup |
| Lippfisch im glasklaren Meer |
Im Übrigen fand ich das Meer auch diesmal nach dem ersten Moment der Überwindung sehr angenehm und schwamm wieder weit hinaus, fast bis zum Ende der Bucht.
Die zweite Hälfte unserer Inselwanderung führte dann zunächst recht einsam, da nach wie vor nicht fahrradtauglich, an der Küste entlang weiter nach Westen. Meist wanderten wir hier wieder unter Bäumen und war die Aussicht folglich eher eingeschränkt. Nach einigem Auf und Ab erreichten wir den „Gipfel“ der Insel, den Mont de Tiélo, mit seinen „stolzen“ 108m. Von den Gipfelfelsen eröffnete sich ein netter Blick zur Südseite der Insel mit dem Hafen und der Ortschaft Porquerolles.
| Blick über die Baumwipfel zum Phare de Porquerolles |
| Der Hafen von Porquerolles vom Mont de Tiélo |
| Île du Grand Ribaud (Bildmitte) |
Anschließend stiegen wir hinab zur Calanque du Brégançonnet, an der durchaus einige Leute badeten. Schnorcheln wäre hier sicherlich auch möglich gewesen, wenn das Wasser in Strandnähe auch längst nicht so klar war wie an den Gorges du Loup.
Auf dem Rückweg zur Ortschaft kamen wir noch an den Weinbergen der Insel vorbei, die offenbar auf einer Brandschutzschneise angelegt worden waren. Das Weingut glich allerdings gerade eher einer Großbaustelle. Über die Plage d’Argent an der Südküste, an der deutlich mehr los war als im Norden der Insel, führte unser Weg dann teils etwas abenteuerlich und verwachsen direkt an der Küstenlinie Richtung Porquerolles-Ort, ehe wir kurz vor dem Ziel zur Straße zurückkehrten.
Im Dorf besorgten wir uns an einem Stand noch je zwei große Kugeln prima Eis und marschierten mit diesem schnell in Richtung Fähranleger, um das 16.30 Uhr-Schiff noch zu erreichen. Zwar hätten wir uns einen etwas gemütlicheren Abschluss unserer Insel-Ausfahrt gewünscht, doch hatten wir andererseits auch keine Lust, hier noch bis zur nächsten Fähre eine Stunde später auszuharren.
Außerdem konnten wir so nach unserer Rückkehr zum Campingplatz in Ruhe duschen, im nahen Restaurant „Le Prado“ einen Tisch reservieren, überlegen, wohin die Reise anderntags gehen sollte und dann gemütlich zum Abendessen spazieren.
Unterwegs ergab sich noch ein kurzer Abstecher zum Fort am Hafen, doch für den Sonnenuntergang, auf den offensichtlich schon einige Leute hier warteten, war es noch ein wenig zu früh.
Beim Abendessen folgten wir diesmal den Tagesempfehlungen: Doradenfilet mit Süßkartoffelbrei, Gemüse, Salat, sowie Paleron de Bœuf Confit (sehr lang gekochte Rinderschulter) mit viel Bratensoße, Möhren und Kartöffelchen. Beides schmeckte sehr gut, ebenso wie der Weißwein von der Insel Porquerolles, den wir dazu genossen. Auch ein Nachtisch passte noch obendrauf: Brioche perdue – eine Art „Arme Ritter“ auf Basis von süßem Hefegebäck – mit Joghurteis, Sahne, Erdnusssoße und sehr guten, gerösteten Haselnusskernen.
Dienstag, 30.9. – Camping Ladouceur bei Ramatuelle (Nähe St-Tropez)
Auch die zweite Nacht auf der Prèsque’île de Giens war anfangs eher unruhig. Wieder tönte von irgendwoher laute Musik und manche Nachbarn kamen erst spät zur Ruhe. Wobei ich alles zunächst ganz erträglich fand, erst als ab 0.00 Uhr die Musik nochmal extra laut aufgedreht wurde und zeitweise zusätzlich jemand ins Mikro brüllte, griff ich doch noch zu den Ohrstöpseln.
Morgens gings dann, ebenfalls wie gehabt, bereits zwischen sieben und acht so richtig zur Sache auf dem Platz und so waren wir, als wir uns kurz nach acht mühsam aufrappelten, schon bei den letzten. An diesem Tag sollte es für uns ja wieder eine Station weitergehen, so packten wir alles zusammen und auch schon mal unsere Rucksäcke, denn zunächst wollten wir noch die ursprünglich für den Vortag geplante Wanderung im Westteil der Halbinsel nachholen.
So ging es also, nachdem gezahlt, die Duscharmbänder zurückgegeben (20€ Pfand!) und der Müll entsorgt war, Richtung Giens und Madrague.
Unterwegs stoppten wir noch am kleinen Vival/Casino direkt am Camping La Presque’île de Giens für einen ebenso kleinen Einkauf, dann steuerten wir den kostenlosen Parkplatz „Parking rando Giens“ an und fanden sogar noch einen Platz, der praktisch ganztägig Schatten versprach. An diesem Tag war es nämlich schon morgens richtig heiß und so begann auch bereits auf den ersten Metern Aufstieg im Parc National de Port Cros der Schweiß massiv zu rinnen. Die Plage des Darboussières ließen wir links liegen und strebten, zum Glück meist im schattigen Wald, der Plage du Pontillon (oder auch Plage d’Escampo-Barriou) zu.
| Schön schattig beginnt der Weg um die Presque'île de Giens. |
Einmal über die Steilküste mit einigen atemberaubenden Tiefblicken, sowie Rückblicken zum Fort von La Tour Fondue und hinüber nach Porquerolles und schon war der Strand erreicht und konnten wir ihn, zu diesem Zeitpunkt beinahe als einzige, in Beschlag nehmen. Etwas viel Seegras säumte die Bucht, aber abgesehen davon, dass dieses fast so hartnäckig wie Sand an einem klebte, störte es uns nicht weiter.
Nach dem Schnorcheln berichtete Günter von einem Seestern und vielen Fischen, die er im phänomenal klaren Meer gesichtet hatte. So bekam auch ich ausnahmsweise Lust, mir die Unterwasserwelt anzusehen, und konnte trotz eingeschränkter Sehschärfe sogar ganze 4 Seesterne und ebenfalls eine Menge unterschiedlicher Fische erkennen.
Und auch diesmal war nicht die Wassertemperatur das Problem, sondern begann ich erst anschließend während der Mittagsbrotzeit trotz Sonne in der leichten Brise zu frösteln. Von daher ging ich nur nochmal kurz das Seegras abwaschen, ehe ich mich wieder anzog – mit den Füßen im flachen Wasser, damit sie währenddessen sauber blieben. In der Zwischenzeit hatte sich der Strand merklich gefüllt, wobei es auch einen ziemlichen Durchsatz gab. Mehrere Familien sahen wir kommen und gehen, während eine größere französische Wandergruppe den Strand noch bevölkerte, als wir schließlich weiterzogen.
Im Anschluss an unsere Badepause standen uns nun die höchsten Erhebungen unserer Wanderrunde um die Halbinsel bevor, dementsprechend ging es ein ums andere Mal weit und meist steil bergauf und anschließend wieder bergab. Insgesamt war das Wandern hier aber sehr angenehm, weil fast durchgehend im Schatten, außer an diversen Aussichtspunkten, die nach und nach den Blick Richtung Westen und schließlich Norden, also zur Küste mit Hyères freigaben. Und immer wieder eröffneten sich herrliche Tiefblicke auf die steilen Felsen und das türkise bis dunkelblaue Meer.
| Die Südküste der Presque'île de Giens |
| Pointe de Rabat |
An der Pointe Escampo-Barriou, der südlichsten Spitze der Halbinsel, fanden sich ein paar Mauerreste eines ehemaligen Leuchtturms aus dem 19. Jahrhundert – auch damals schon für militärische Zwecke errichtet, wie die Radarstation, die mit ihrer Kugel heute den höchsten Punkt besetzt.
Schließlich, ab der Plage de la Madrague verengte sich der Sentier Littoral zusehends und am Ausgang des Strands wurde auf einer Tafel schon mal gewarnt, dass der Weg ab hier nicht ganz einfach, ja manchmal sogar überhaupt nicht durchgängig begehbar sei. Zunächst war es dann aber auch nicht schlimmer als auf vielen anderen Küstenpfaden, die sich ja häufig zwischen Privatgrundstücken und (Dornen-)Hecken einerseits und der Wasserlinie andererseits durchschlängeln.
Doch am Ende standen wir tatsächlich vor einer Stelle, wo der Wanderweg zwar nach wie vor getreulich gelb markiert war, aber einfach mal unterhalb der Wasserlinie verlief. Waten war der einzig mögliche Ausweg, wobei uns der schlimmste Abschnitt durch sicher hüfttiefes Wasser erspart blieb, weil wir hier zum Glück noch einen trockenen Durchschlupf unter einem Busch hindurch über flache Felsen entdeckten. Anschließend wateten wir immer an einer Mauer entlang durch flaches Wasser. Zum Schluss noch ein beherzter Schritt auf selbiger Mauer zu einem Steg hinüber, dann hatten wir es geschafft und erreichten wenig später die Straße, die uns zum Parkplatz zurückbrachte.
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| Immer an der Mauer lang - man beachte die gelbe Wanderwegmarkierung ... |
Eineinhalb Stunden Fahrt brachten uns dann zum Campingplatz "Ladouceur" bei Ramatuelle, auf dem wir die nächsten beiden Nächte verbringen wollten. Da dieser ziemlich weitläufig war, wurde Günter bei der Anmeldung gleich mal mit einem Golfcart herumchauffiert, um sich einen der verfügbaren Stellplätze auszusuchen. Nachdem wir uns häuslich niedergelassen hatten, testete ich sogleich die Dusche, die im Wesentlichen funktionierte, jedoch etwas eng war, nur wenig Aufhänge- und keinerlei Ablagemöglichkeit bot.
Mangels anderer Optionen in der unmittelbaren Umgebung steuerten wir zum Abendessen das „Restaurant“ auf dem Platz an, das aus ein paar Tischen auf der Terrasse bei der Rezeption bestand. Bestellt und bezahlt wurde am Tresen im Laden des Platzes, die Essensausgabe erfolgte durch das Küchenfenster. Die Pizza „Napolitaine“ war dann durchaus genießbar und die Fish & Chips eigentlich auch, obwohl die Panade auf dem Fisch etwas arg verkohlt war. Der Salat, der als Beilage dazu kam, war dagegen ganz hervorragend.
So konnten wir bald satt und zufrieden die paar Meter zu unserem Platz zurück schlendern und einer hoffentlich ruhigen Nacht entgegen sehen.






